Eins und eins ist mehr als zwei

17.09.20

Im vergangenen Jahr haben Luminate UK, die Rudolf Augstein Stiftung und die Schöpflin Stiftung bei einem besonderen Projekt zusammengearbeitet. Die drei Stiftungen haben in Kooperation mit der PHINEO gAG einen Report zum Non-Profit-Journalismus auf den Weg gebracht, der Ende September 2020 veröffentlicht wird. Der Report liefert einen Überblick über die Akteurslandschaft des Non-Profit-Journalismus in Deutschland, stellt funktionierende Geschäftsmodelle sowie erfolgreiche Wirkungslogiken vor und gibt Förderinstitutionen konkrete Handlungsempfehlungen, wie sie unterstützend im Feld tätig werden können. In einem gemeinsamen Interview sprechen Gauri van Gulik (Luminate), Stephanie Reuter (Rudolf Augstein Stiftung) und Lukas Harlan (Schöpflin Stiftung) über die Ziele des Reports und über stiftungsübergreifende Zusammenarbeit.

1) Ihr habt in Kooperation mit der PHINEO gAG einen Report zum »Non-Profit-Journalismus« auf den Weg gebracht. Nicht jede*r ist mit dem Begriff »Non-Profit-Journalismus« vertraut. Was ist damit gemeint?

Stephanie Reuter: Wir haben im Report sowohl den Begriff des gemeinnützigen Journalismus als auch den des gemeinwohlorientierten Journalismus verwendet. »Gemeinnützig« hebt eher auf den Steuerstatus ab, »gemeinwohlorientiert« darauf, dass die Erkenntnis vor den Erlösen steht. Es geht beim Non-Profit-Journalismus nicht um Gewinnmaximierung, sondern darum, verlässliche Informationen zur Verfügung zu stellen und die Grundlage dafür zu schaffen, dass die Bürger*innen die bestmöglichen Entscheidungen treffen können.

Gauri van Gulik: Es geht darum, Journalismus zu fördern, der die Wahrheit ans Licht bringen will und Informationen liefert, die die Menschen brauchen, um aktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Wir sehen die Rolle der Medien nicht nur darin »Stories« zu generieren, sondern eine kritische, auch selbst-kritische, Gesellschaft zu ermöglichen, die offen für Veränderungen ist.

Lukas Harlan: Der Verein netzwerk recherche definiert »Gemeinnützigen Journalismus« nach folgenden Kriterien: Gemeinnütziger Journalismus nimmt die dem Journalismus zugedachte Aufgabe ernst, er folgt keiner Gewinnerzielungsabsicht, er ist maßgeblich durch Förder*innen finanziert und er ist von Finanzbehörden als gemeinnützig anerkannt. Über die Bedeutung und Tragweite dieser Punkte kann man natürlich diskutieren. Aber die Definition bildet beide Dimensionen ab, die Stephanie gerade schon erwähnt hat, nämlich zum einen die ideelle und zum anderen die rechtlich-formelle.

Stephanie: Zur rechtlich-formellen Dimension muss man anmerken, dass der Journalismus nach der geltenden Abgabenordnung steuerrechtlich nicht als gemeinnützig anerkannt werden kann. Dies wäre aber wichtig, um alternative Finanzierungswege zu eröffnen. Aktuell sind Akteur*innen im Non-Profit-Journalismus hier auf Hilfskonstruktionen angewiesen, wodurch sie in ihrer Handlungsfähigkeit oft eingeschränkt werden. Deshalb ist auch eine der Hauptempfehlungen auf Policy-Ebene in unserem Report, den Journalismus in die Abgabenordnung mit aufzunehmen.

2) Der Report trägt den Titel »Wozu Non-Profit-Journalismus?«. Tatsächlich werden sich insbesondere einige Journalist*innen, die bei »klassischen« Medien arbeiten und den Pressekodex ernst nehmen, genau diese Frage stellen. Wozu braucht es noch eine weitere Säule im Journalismus, die das Label »gemeinnützig« oder »gemeinwohlorientiert« trägt?

Stephanie: Unser Ziel ist, das journalistische Ökosystem insgesamt zu stärken. Wir sehen den Non-Profit-Journalismus als Ergänzung neben den etablierten öffentlich-rechtlichen und privaten Akteur*innen, die ja die größte Rolle in unserer medialen Grundversorgung spielen. Er wird dort aktiv, wo das klassische System Lücken hat. Wir erleben gerade, dass traditionelle Geschäftsmodelle immer weniger funktionieren. Der Medienbranche sind im Zuge der Digitalisierung Anzeigenmärkte weggebrochen; sie steckt in einer Finanzierungskrise. Dies hat zur Folge, dass es immer schwieriger wird, in bestimmten Bereichen die Berichterstattung noch zu gewährleisten, z. B. im Lokalen oder bei unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen. Hier kann der gemeinnützige Journalismus eine bedeutende Rolle spielen. Zudem kann er investigative Recherchen liefern, die für viele zu kostenintensiv wären. Von diesen Recherchen profitiert dann wiederum das gesamte Ökosystem, weil Akteur*innen des Non-Profit-Journalismus häufig kollaborativ agieren und es viele Kooperationen zwischen Non-Profit-Organisationen und »klassischen« Medien gibt.

Gauri: Non-Profit-Organisationen sind eines von vielen Rädchen im Getriebe einer funktionierenden Demokratie. Die gesündeste Umgebung für unabhängige Medien entsteht durch Vielfalt. Wenn in einem Land z. B. zwei große Unternehmen die Mehrheit der großen Tageszeitungen besitzen oder die vorherrschenden Geschäftsmodelle so unprofitabel sind, dass es nur noch um die Erhöhung der Klickzahlen oder das Erzielen von Werbeeinnahmen geht, kann Journalismus seine Aufgabe als »vierte Säule« der Demokratie nicht mehr ausreichend erfüllen. Wir brauchen unabhängige Investigationen, um den Mächtigen auf die Finger zu schauen und sie in die Pflicht zu nehmen. Das bedeutet natürlich nicht, dass klassische Institutionen hier überall und grundsätzlich versagen. Aber wir blicken auf das Ökosystem insgesamt und darauf, wie es der Gesellschaft dient. Und hier sehen wir, dass die Modelle, denen es nicht um Gewinnerzielung geht, zu den gefährdetsten gehören.

Lukas: Als Förderer können wir ermöglichen und sicherstellen, dass im Feld weiterhin ein gewisser Mut zum Risiko stattfinden kann, obwohl der Markt so extrem unter Druck steht. Gerade jetzt während Corona, wo das Anzeigengeschäft noch einmal dramatisch eingebrochen ist, kann das ein entscheidender Beitrag sein.

3) Welchem Zweck dient der Report »Wozu Non-Profit-Journalismus« genau und warum haben sich drei Stiftungen entschieden ihn gemeinsam auf den Weg zu bringen?

Lukas: Bei uns stand am Anfang die Feststellung, dass uns als Förderinstitution ein Überblick über dieses Thema fehlt, eine Einordung im Markt oder auch eine Art Handlungsempfehlung, wie man im Feld am besten unterstützend tätig sein kann. Gleichzeitig war uns aber klar, dass wir hier Partner*innen brauchen, um eine breitere Expertise, verschiedene Perspektiven und eine größere Legitimation zu haben. Dass dann die Rudolf Augstein Stiftung als etablierte Stiftung aus dem Medienbereich hinzukam und Luminate als auch international im Medienfeld agierende Stiftung, war natürlich ein großartiger Match und ein wichtiges Zeichen.

Stephanie: Uns war es sehr wichtig, neue Förderer für dieses Feld zu gewinnen und hier insbesondere solchen Institutionen, die keine Expertise im Medienbereich haben, eine fundierte Basis zu liefern auf der sie ihre Projekte entwickeln und Förderentscheidungen treffen können. Indem wir den Report mit mehreren Partner*innen umsetzen, wollten wir noch einmal ein stärkeres Signal in die Stiftungs-Community senden. Es gibt mehr als 23 000 Stiftungen in Deutschland – und noch nicht einmal ein halbes Prozent engagiert sich in diesem Bereich. Das muss sich dringend ändern! Egal, ob der Stiftungszweck Journalismus, Umweltschutz, Wissenschaft oder die Stärkung der Demokratie ist: Um zu diesen Themen ins Gespräch zu kommen und Wandel zu bewirken, braucht es eine informierte Gesellschaft. Und diese wird durch eine unabhängige und vielfältige mediale Berichterstattung gewährleistet.

Gauri: Auch uns ging es bei diesem Projekt insbesondere darum, die Förderlandschaft zu erweitern, das Interesse anderer Geldgeber*innen zu wecken, neue Kollaborationen anzustoßen. Und dadurch, dass hier drei Stiftungen gemeinsam agieren, haben wir eine viel größere Reichweite, weil wir jeweils unsere Verbindungen, Kontakte und Arbeitsweisen einbringen. Wir können gemeinsam viel effektiver sein.

4) Welchen Stellenwert hat stiftungsübergreifende Zusammenarbeit nach Eurem Gefühl grundsätzlich im Sektor bzw. sollte sie haben und welcher Mehrwert kann daraus für die geförderten Organisationen entstehen?

Stephanie: Wir sehen zum Glück immer mehr pooled fundings. Grundsätzlich gilt, dass ein breite Fördererbasis für die Unabhängigkeit einer Organisation entscheidend ist. Das ist natürlich gerade bei journalistischen Akteur*innen wichtig, deren Reputation von der redaktionellen Unabhängigkeit abhängt. Hier sind allerdings beide Seiten ein Stück weit in der Verantwortung. Auch oder insbesondere im Journalismus dürfen Organisationen bestimmte Dinge nicht für eine Förderung zur Disposition stellen. Auf Seiten der Förderer wiederum muss das Verständnis dafür vorhanden sein, dass Unabhängigkeit in diesem Feld ein besonders sensibles Thema ist. Wir empfehlen daher, Strukturen zu fördern oder bei Recherche-Förderungen z. B. eine Firewall-Organisation wie netzwerk recherche dazwischen zu schalten. Grundsätzlich sollten Co-Förderer regelmäßig gemeinsam mit der geförderten Organisation an einem Tisch sitzen, sich auf eine gemeinsame Richtung einigen, sich bei Einzelheiten (wie z. B. Berichtspflichten) abstimmen und solche Treffen als Sparring begreifen, wo echte Bedarfe abgefragt werden und es darum geht, die Organisation zu stärken.

Gauri: Wir glauben, dass es Kollaborationen braucht um nicht-gewinnorientierte Organisationen am Leben zu erhalten und sie zu befähigen, ihre wichtige Arbeit zu tun und unabhängig zu bleiben. Aber natürlich ist es entscheidend, dass die Förderer eine Philosophie teilen. Uns geht es darum, Organisationen zu stärken, ihnen Vertrauen zu schenken, nicht zu viel Mikro-Management zu betreiben, nicht nur kurzfristige Projekte zu fördern und das gesamte Ökosystem im Blick zu behalten. In diesem Feld wird es immer Organisationen geben, die sich nicht selbst tragen können und auch langfristig auf Förderungen angewiesen sind. Entscheidend ist, sicherzustellen, dass sie selbst auf der Grundlage der Wichtigkeit des Themas entscheiden können, ob sie eine Recherche durchführen und das Ergebnis veröffentlichen.

Lukas: Uns drei Stiftungen vereint u. a. das Ziel, durch Strukturförderung Organisationen nachhaltig zu stabilisieren sowie themenunabhängig Investigationen und Innovationen zu ermöglichen. Wenn Förderkonsortien auf diese Weise funktionieren und agieren, kann aus dem gemeinnützigen Sektor heraus ein wichtiger Beitrag zur Unabhängigkeit der Medien und damit zur Stärkung der Demokratie geleistet werden.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Larissa Wegner, Referentin für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit, Schöpflin Stiftung. Weitere Informationen zum Report »Wozu Non-Profit-Journalismus?« unter www.nonprofit-journalismus.org

Dieser Beitrag ist in unserem Newsletter »Schöpflins Schaufenster« Ausgabe 04/2020 erschienen.

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