Foto: Jan Novotny


Lernen als offener Prozess

21.09.21

Celina Rahman, die Schulleiterin der Schöpflin Schule, spricht im Newsletter-Interview über ihr Selbstverständnis als »Künstlerin in einer Bildungseinrichtung« und erklärt, wie Kreativität und Partizipation zusammenhängen.


Liebe Celina, ab diesem Herbst leitest Du unsere neu gegründete Grundschule, die Schöpflin Schule in Lörrach. Du bist dafür von Hamburg nach Lörrach gezogen. Welcher Weg hat Dich vom Norden hier in den Südwesten geführt und was waren wichtige Stationen in Deinem Leben?

Celina Rahman: Mein beruflicher Weg hat tatsächlich nicht im Norden, sondern hier im Südwesten begonnen, sogar in Baden: Ich habe in Freiburg studiert und in Karlsruhe mein Referendariat gemacht. Zwischen den beiden Staatsexamen war ich eine Zeit lang in Indien und habe dort mit Kindern gearbeitet, was mich sehr geprägt und in dem Wunsch bestärkt hat, im Bildungsbereich aktiv zu sein. Nach dem Referendariat bin ich dann nach Hamburg gezogen und habe dort auf St. Pauli an einer Stadtteilschule gearbeitet. Das war eine herausfordernde Zeit. Viele Kinder und Jugendliche an dieser Schule kommen aus schwierigen sozialen Räumen. Neben der eigentlichen Tätigkeit als Lehrerin (der Wissensvermittlung) ging es vor allem darum, diese jungen Menschen irgendwie zusammenzubringen. Das heißt, meine Pädagogik war davon bestimmt, herauszufinden, wie ich aus einer Gruppe, die gar nicht unbedingt eine Gruppe sein möchte, ein gutes Kollektiv auf Zeit formen kann. Es galt Gruppenprozesse zu initiieren und ein Gespür für das Miteinander zu bekommen. Hierbei hat mir meine jahrelange Erfahrung mit Theater sehr geholfen. In dieser Zeit in Hamburg hat sich auch mein Selbstverständnis gefestigt, mich nicht als Lehrerin im klassischen Sinn, sondern eher als Künstlerin in einer Bildungseinrichtung zu begreifen.

Du hast für die Hamburger Schulbehörde zahlreiche künstlerische Formate ins Leben gerufen und in Hamburg mehrjährige Gestaltungsprozesse mit dem Schwerpunkt Theater angestoßen. Welche Rolle spielt Kreativität für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, vielleicht gerade in herausfordernden Situationen?

Celina: In der Praxis habe ich in Hamburg sehr schnell lernen müssen, dass es oft nicht hilft, sich allein an den Vorgaben des Lehrplans zu orientieren. In einer Lernumgebung, in der das soziale Miteinander nicht funktioniert, bringt es nichts, mit einem starren Ziel vor Augen ein bestimmtes Ergebnis durchdrücken zu wollen. Nach meiner Erfahrung kann man hier mit einem künstlerischen Ansatz sehr viel mehr erreichen. Künstlerisch zu arbeiten ist mehr als ein Konzept, es ist vor allem eine Haltung. Für die Lehrkräfte bedeutet es, Lernen als Prozess zu begreifen, der insofern ergebnisoffen ist, als er keinen bestimmten Weg definiert, wie ein Ziel erreicht werden kann (oder muss), was sich auch auf das Ergebnis selbst auswirken kann. Für Schüler*innen bedeutet ein solcher Ansatz, dass sie sich selbstständig ausprobieren können und dabei auch Fehler machen dürfen. Und weil ihnen kein Richtig oder Falsch vorgegeben wird, lernen sie auch, Scheitern nicht als Niederlage zu begreifen, sondern als Impuls, sich einen anderen Weg zu überlegen. Kunst, insbesondere Theater, kann außerdem Räume schaffen, wo Kinder sich freier entfalten können, weil sie Stärken jenseits von schulischen Leistungskategorien entdecken.

Kreativität ist auch ein wichtiges Element des PRRITTTI®-Bildungsmodells, das an der Peter Gläsel Schule in Detmold entwickelt wurde und an dem sich auch die Schöpflin Schule orientiert. Ein weiteres wichtiges Element dieses Modells ist Partizipation. Auf welche Weise soll Beteiligung in der Schöpflin Schule ermöglicht werden?

Celina: Bei der künstlerischen Haltung geht es auch sehr viel um Loslassen und Abgeben –  sobald wir uns von der Idee verabschieden, dass es nur einen vorgefertigten Weg und ein bestimmtes Ergebnis gibt, sind wir ja offen für andere Vorschläge. Und hier ist der Schnittpunkt zur Beteiligung. Es geht darum, sich als Lernbegleiter*in nicht als alleinige Expert*in im Raum zu begreifen, sondern Kinder und Jugendliche mit ihren Fragen und Themen ernst zu nehmen und gleichberechtigt miteinzubeziehen. In der Schöpflin Schule werden wir Kinder ganz aktiv danach fragen, was sie bewegt und uns daran orientieren. Sie liefern uns also gewissermaßen die Navigation durch den Lehrplan. Wenn sie eine Frage haben, geben wir ihnen den Raum, diese mit unserer Unterstützung zu erforschen. Wir schaffen ein Praxismoment, das verschiedene Möglichkeiten der Antworten aufmacht. Das kostet Zeit, Geduld und auch ein Bewusstsein dafür, dass wir uns auf etwas einlassen, das vielleicht dem widerspricht, was wir uns als Lernbegleiter*in eigentlich vorgenommen haben.

Du hast schon vielfältige Erfahrungen im Schulbereich gesammelt, allerdings noch keine Schule geleitet. Was hat Dich an dieser Aufgabe gereizt, wie verstehst Du Deine Rolle als Schulleiterin und worauf freust Du Dich am meisten?

Celina: Zunächst einmal habe ich mich in diesen Ort verliebt: den grünen Garten auf dem Schöpflin-Gelände in Lörrach-Brombach, in diese kleine Schule, die hier entsteht. Es ist ja auch ein Geschenk, dass so ein Ort langsam wachsen darf. Entscheidend war aber auch, dass ich festgestellt habe: Schule ist nie ein isolierter Ort. Sie ist immer angedockt an die Nachbarschaft, verwurzelt mit Geschichten im Ort oder der Stadt. Die Schöpflin Schule ist hier sicherlich erst einmal einzigartig, aber mir ist es wichtig, zu betonen, dass wir in keiner Weise einen elitären Ansatz verfolgen, im Gegenteil. Es ist mir ein echtes Anliegen, dass die Kinder begreifen und lernen, dass es ganz unterschiedliche Lebenssituationen gibt und dass wir zwar einen geschützten, aber keinen exklusiven Ort schaffen. Dabei ist es sehr hilfreich, dass wir in die Stiftungseinrichtungen eingebettet sind und in unmittelbarer Nachbarschaft z. B. einen Kindergarten haben sowie den Werkraum und die Villa Schöpflin und FABRIC als Beteiligungsort, der entsteht. Die Schule gut zu vernetzen, dazu einzuladen, sie kennenzulernen, darin sehe ich auch eine wichtige Aufgabe für mich in meiner Rolle als Schulleiterin. In diese Beziehungsarbeit und den Austausch zu gehen –  darauf freue ich mich besonders.

Vielen Dank für das Gespräch! Wir sind sehr gespannt, wie sich die Schöpflin Schule entwickelt und wünschen Dir, allen Lernbegleiter*innen und natürlich den 20 Kindern und Familien einen guten Start in das erste Schuljahr!

 Mehr Informationen zur Schöpflin Schule unter www.schoepflin-schule.de

Das Interview führte Larissa Wegner, Referentin für Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit, Schöpflin Stiftung.
Dieser Beitrag ist in unserem Newsletter »Schöpflins Schaufenster« Ausgabe 03/2021 erschienen.

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