Foto: Tibor Bozi


Verantwortung kann nur lernen, wer Verantwortung trägt

21.09.21

Gastbeitrag von Marina Weisband



»Schülerinnen und Schüler sollen zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden, die verantwortungsvoll, selbstkritisch und konstruktiv ihr berufliches und privates Leben gestalten und am politischen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen können«, heißt es in den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz (2004). Das klingt völlig einleuchtend und wenig kontrovers. Interessanter ist allerdings die Frage, wo eigentlich im Curriculum die Räume sind, in denen Schüler*innen diese Verantwortung und Teilhabe tatsächlich erlernen. Denn Verantwortung kann nur lernen, wer Verantwortung trägt. Im Regelschulsystem tragen Schüler*innen allerdings hauptsächlich Verantwortung für ihre eigenen Lernerfolge, selten aber für die Räume, die Hausordnung, die Gemeinschaft. Oder gar für die Gestaltung des Unterrichts.

Dabei ist Schule für die allermeisten Jugendlichen der zentrale Lebensort. Sie verbringen mehr als die Hälfte ihres Tages dort, und zwar alle, unabhängig vom soziokulturellen oder Migrationshintergrund. Deshalb muss dieser Raum einer sein, in dem Jugendliche ständig und praktisch lernen müssen, zu handeln. Das heißt, sich zu fragen: Wer bin ich? In was für einer Umgebung lebe ich? In was für einer Umgebung will ich leben? Wie komme ich dahin? Mehrheiten suchen, auf Minderheiten achten, Kompromisse finden und Herausforderungen überwinden, müssen alltägliche Aufgaben sein. Das bedeutet, dass es nicht reicht, die Schüler*innenvertretung zu stärken. Das betrifft nämlich nur einen Teil der Schüler*innen. Es reicht auch nicht, kleine Bereiche zu identifizieren, in denen Jugendliche mitentscheiden dürfen. Gute Schule funktioniert genau andersherum: Sie identifiziert die Bereiche, die nicht von Schüler*innen gestaltet werden können – und überlässt ihnen alles andere. Nur so erlernen junge Menschen Selbstwirksamkeit – indem sie wieder und wieder die Erfahrung machen, dass ihre Umwelt von ihrem Tun abhängt.

Das ist umso wichtiger in einer digitalisierten Welt. Diese junge Generation hat mehr Macht als alle vor ihr. Sie kann sich besser informieren und vernetzen, ihre Stimme leichter hörbar machen – gleichzeitig erleichtert Digitalisierung aber auch passiven Konsum, Überwachung und Populismus. Fake-News, Onlinemobbing, Hass und passiver Auslieferung an Großunternehmen, die mit Aufmerksamkeit handeln, liegt allein ein Problem zugrunde. Dieses Problem ist nicht Digitalisierung. Es ist die Vorstellung von der eigenen Rolle. Wer sich als Opfer oder als Konsument*in seiner Gesellschaft begreift, wird sehr viel leichter zu diesen Problemen beitragen, als jemand, der oder die sich als Gestalter*in der Gesellschaft begreift. Denn wer gestaltet, hat kein großes emotionales Bedürfnis, Fremde anzugreifen oder Fake News zu glauben. Wer gestaltet, denkt kritischer und bringt sich aktiver in demokratischen Diskurs ein. Das Problem ist also nicht Digitalisierung, das Problem ist ein Mangel an demokratischer Einstellung. Dabei kann Digitalisierung uns sogar dabei unterstützen, eine solche Einstellung zu entwickeln.

Digitale Mittel können Partizipationsprozesse gut ergänzen. Sie strukturieren sie, machen sie übersichtlicher, sind nicht so sehr an Orte und Zeiten gebunden. Sie nehmen gerade junge Menschen stärker mit, erlauben schüchternen Schüler*innen oder solchen ohne gute Deutschkenntnisse, sich in Ruhe schriftlich auszudrücken. Sie helfen bei der Zusammenarbeit, funktionieren multimedial und können sogar automatisch übersetzen. Mit Hilfe digitaler Mittel können wir Partizipation so betreiben wie nie zuvor.

Ein praktisches Projekt, das die digitalen Möglichkeiten für verbindliche Beteiligung in der Schule nutzt, ist »aula«. Das Beteiligungskonzept wurde von politik-digital e.V. ab 2014 entwickelt und verbindet den Erwerb von Demokratie- und Medienkompetenz ganz praktisch im alltäglichen Umfeld junger Menschen. »aula« wird hauptsächlich in der Schule eingesetzt, kann aber auch im Verein oder in der Kommune eine Plattform für Beteiligung bieten.

Konkret sieht die Umsetzung so aus: Die Jugendlichen vereinbaren vor der Einführung von »aula« gemeinsam mit der Schulleitung und den Lehrer*innen einen Vertrag, der die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Beteiligung festhält. Anschließend nutzen sie eine Online-Plattform, um ihre eigenen Ideen zu veröffentlichen, sie zu diskutieren, über sie abzustimmen und sie letztendlich umzusetzen. Begleitet wird das Konzept von frei verfügbaren didaktischen Materialien. Idealerweise nutzen die Jugendlichen nicht nur die digitale Plattform, sondern bekommen auch ganz analog die Möglichkeit, sich untereinander und mit Lehrkräften über die veröffentlichten Ideen auszutauschen.

Die Jugendlichen erleben auf diese Weise ihren eigenen Einfluss auf ihr direktes Umfeld. Eine demokratische Einstellung entwickelt sich in der Anwendung, nicht auf dem Papier.


Marina Weisband ist Expertin für digitale Partizipation und Bildung, Diplompsychologin und Autorin. Die ehemalige politische Geschäftsführerin und Speakerin der Piratenpartei Deutschland ist Co-Vorsitzende von D64 e.V. und leitet bei politik-digital e.V. das Demokratieprojekt »aula – Schule gemeinsam gestalten«.

Dieser Beitrag ist in unserem Newsletter »Schöpflins Schaufenster« Ausgabe 03/2021 erschienen.

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