Foto: Samuel Groesch


Von der Utopie zur Wirklichkeit: »Open Social Innovation« als ein neues Instrument zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen

17.06.21

Gastbeitrag von Philipp von der Wippel

Seit über einem Jahr werden Gesellschaften und Regierungen weltweit von der Corona-Pandemie herausgefordert. Aktuell erleben wir in Europa eine Phase der Entspannung und Hoffnung, doch die sozialen und wirtschaftlichen Folgen sind in ihrer gesamten Dimension noch gar nicht abzusehen. Sicher ist, dass diese Krise nur ein Vorgeschmack auf die tiefgreifende Transformation ist, die uns als Gesellschaft in den nächsten fünf Jahren gelingen muss, um eine enkeltaugliche – also menschliche, klimaneutrale, demokratische – Zukunft zu sichern. So betrachtet läutet die Pandemie eine Zeitenwende ein: Ein »Weiter so« ist keine Option mehr. Wenn wir jetzt nicht entschlossen die Weichen umstellen, laufen wir sehenden Auges auf sogenannte »Kipp-Punkte« zu, die – sobald sie überschritten sind – unwiderrufbare Kettenreaktionen hervorrufen und unermesslichen Schaden anrichten.

Aber wie sehen Problemlösungsprozesse aus, mit denen es gelingen kann, die Weichen umzustellen? Wer sind die geeigneten Akteur*innen, um einen solchen Wandel umzusetzen? Welche Instrumente und Strategien brauchen wir, um komplexe gesellschaftliche Problemstellungen zu meistern? Diese Fragen beschäftigen mich seit meiner frühen Jugend – hervorgerufen von der Ausgangsfrage, was denn ein wirkungsvoller Weg sein kann, um mich gesellschaftlich zu engagieren und einen Unterschied zu machen. Ich habe schnell gemerkt, dass nicht nur ich mir diese Fragen stelle, sondern viele Menschen um mich herum. Aus dieser Frage wurde meine Mission:

Die Geburtsstunde von ProjectTogether war mein dreimonatiger Schüleraustausch in England im Jahr 2012. Eine*r der ersten Mitschüler*innen, die ich dort kennengelernt habe, war Ebrahim, der mit seiner Familie vom Bürgerkrieg in Syrien geflohen war. Ebrahim verspürte einen großen Drang, aus der Distanz etwas für seine Heimat zu tun. Was ihn besonders störte, war die fehlende Anteilnahme unserer englischen Mitschüler*innen, die der humanitären Katastrophe nicht sehr viel Beachtung schenkten. In einem unserer Gespräche kam uns die Idee: »Was wäre, wenn unsere Mitschüler*innen nicht nur die trockenen Fakten in den BBC News hören würden, sondern direkt mit syrischen Jugendlichen in unserem Alter sprechen könnten?« Gesagt, getan: Wir starteten mit Live-Videokonferenzen in der wöchentlichen Morning Assembly unserer Schule. Die Resonanz übertraf unsere Erwartungen: Die direkten Gespräche mit Jugendlichen in den Kriegsgebieten kreierten eine Welle des Mitgefühls und der Fassungslosigkeit. Eine Woche später starteten drei weitere Schulen das gleiche Format und die Aktion begann sich in Windeseile in der Region zu verbreiten. Wenige Wochen später wurden Ebrahim und ich vom für die Region zuständigen Abgeordneten im Britischen Parlament kontaktiert – mit dem Angebot die Aktion tatkräftig zu unterstützen und landesweit zu verbreiten: Im Juli 2012 wurde die Initiative mit der Unterstützung des Premierministers vor dem House of Commons vorgestellt, um möglichst viele Abgeordnete dafür zu gewinnen, das Konzept der Bewusstseinskampagne auch in ihre Wahlkreise zu tragen.

Für mich ging es wenig später zurück in die Heimat, zurück in die 10. Klasse. Aber dieses Gefühl von echter Wirksamkeit hat mich verändert. Die Erfahrung, dass jede*r –  auch zwei 16-jährige Schüler – etwas in Bewegung bringen können, hat mich überzeugt, dass der »bottom-up« Ansatz der richtige Weg ist, um Veränderung zu erreichen. Was wäre, wenn tausende Menschen ihre Lösungsansätze für gesellschaftliche Herausforderungen parallel entwickeln würden, wenn sie die Chance bekämen ihre Ideen im Kleinen auszuprobieren und wenn die funktionierenden Lösungen von den Entscheidungsträger*innen gehört und groß gemacht würden? Das ist die Idee hinter »Open Social Innovation«, einer Methode, bei der ein öffentlicher Aufruf an alle Bereiche der Gesellschaft (Zivilgesellschaft, Verwaltung, Privatsektor) geht, sich an der Entwicklung von gesamtgesellschaftlichen Lösungen und Innovationsprozessen zu beteiligen.

Meine Gedanken teilte ich mit Freund*innen und Bekannten und fand dabei viele Gleichgesinnte. Am Anfang waren wir nicht mehr als ein paar Schüler*innen mit einer Vision, aber jeden Monat wurde unser ehrenamtliches Team größer. Wir machten viele Experimente und entwickelten erste Prototypen – von einem Peer-to-peer Coaching-Programm bis hin zu Schulworkshops. Immer mit der Frage im Kopf, auf welchem Weg sich ein neuer Prozess für gesellschaftliche Mitgestaltung skalierbar umsetzen lässt. Wenige trauten sich, uns ernsthaft zu unterstützen. Eine der ersten Förderinnen war die Schöpflin Stiftung, die 2017 »Risikokapital« in uns investierte. Dieser Vertrauensvorschuss hat uns die Chance gegeben zu beweisen, dass die Digitalisierung eine neue Koordinierungsfähigkeit für Open Social Innovation freisetzt, mit der wir Mitgestaltung »von unten« organisieren können. Wir konnten uns in der Folge als Organisation so aufbauen, dass wir letztes Jahr bei #WirVsVirus-Hackathon gemeinsamen mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Lage waren, den Ideenreichtum von 28.000 Menschen digital zu bündeln und 1.500 konkrete Lösungsansätze parallel zu entwickeln. 2021 haben wir mit #UpdateDeutschland diesen Ansatz ein zweites Mal erfolgreich erprobt.

Vor fünf Jahren hätte wohl niemand daran geglaubt, dass Open Social Innovation eine neue Form der gesamtgesellschaftlichen Beteiligung werden würde. Niemand hätte voraussagen können, dass fünf Jahre später die Bundeskanzlerin in Open Social Innovation »einen echten Lichtblick« sieht, und dass Kanzleramtsminister Helge Braun Open Social Innovation als eine Sache versteht, »deren Zeit jetzt gekommen ist und mit der wir in Zukunft die Zusammenarbeit von engagierter Zivilgesellschaft und Staat viel besser organisieren können.«

Die fünf Jahre sind aber das entscheidende Delta – der Unterschied zwischen Utopie und Wirklichkeit. Die Politik scheint verstanden zu haben, dass sich die Probleme von morgen nicht mit den Mitteln von gestern lösen lassen. Die zukünftigen Herausforderungen können wir nur gemeinsam angehen, mit den Ideen der Vielen und einer breiten Akzeptanz, auch für unbequeme Maßnahmen, die beispielweise der Klimaschutz von uns allen verlangen wird. Um eine wirksame Zusammenarbeit zwischen Bürger*innen und Staat – zwischen «bottom-up« und »top-down« – zu erreichen, müssen wir Partizipation neu denken und echte Mitgestaltung ermöglichen. Wir brauchen ein Update in unserem »Betriebssystem«, WIE wir an gesellschaftliche Problemlösung herangehen.

Philipp von der Wippel ist Mitgründer und Geschäftsführer von ProjectTogether. Nach seinem Abitur in München arbeitete er für die BMW Foundation Herbert Quandt und für die G20-Taskforce des Bundesministeriums der Finanzen in Berlin. Er hat Philosophie, Politikwissenschaft und Volkswirtschaft an der Universität Oxford studiert.

Dieser Beitrag ist in unserem Newsletter »Schöpflins Schaufenster« Ausgabe 02/2021 erschienen.

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