Der Digital Independence Day (DI.DAY) ruft jeden ersten Sonntag im Monat dazu auf, sich unabhängiger von Plattformen großer Tech-Konzerne zu machen und Alternativen in den Blick zu nehmen. Ins Leben gerufen wurde der DI.DAY Anfang 2026 von der gemeinnützigen Initiative Save Social. Die Schöpflin Stiftung schloss sich gemeinsam mit mehr als 40 weiteren Organisationen dem Initiatorenkreis an. Zeit für ein erstes Zwischenfazit: Wie hat sich der Digital Independence Day seit seinem Start entwickelt? Und welche Rolle spielen digitale Souveränität und alternative Plattformen für Demokratie und Zivilgesellschaft? Darüber haben wir mit Björn Staschen, Initiator des DI.DAY und Geschäftsführer von Save Social, gesprochen.
1. Zu Beginn des Jahres habt Ihr der Digital Independence Day (DI.DAY) gestartet. Was hat Dich seitdem am meisten überrascht und ermutigt?
Björn Staschen: Es ist fantastisch, zu beobachten, wie so etwas wie eine Bewegung entsteht, wie immer Menschen am ersten Sonntag im Monat einen Schritt in die digitale Unabhängigkeit machen. Wir versuchen ganz bewusst, den DI.DAY dezentral zu organisieren. Zwar haben wir eine zentrale Website mit unseren Wechselrezepten, vor allem aber stellen wir unser Material, die DI.DAY-Logos, die Farben und Schriften allen zur Verfügung, die mitmachen wollen. Und wir helfen dabei, zu organisieren: über unseren Kalender und über unsere Expert:innenvermittlung. So entstehen beispielsweise in Bibliotheken Veranstaltungen, Volkshochschulen greifen die Themen auf, ganze Schulen oder Bürgerzentren machen mit. Und auch international verbreitet sich die Idee: Unsere Website ist in englisch und italienisch verfügbar, französisch folgt – und es gibt Gruppen, die sich in Irland, Frankreich, Portugal oder sogar Colorado, USA mit Veranstaltungen beteiligen.
2. Digitale Souveränität wird oft als sperriges, technisches Thema wahrgenommen. Warum ist es auch ein für uns als demokratische Gesellschaft ein wichtiges Thema?
Björn Staschen: Wir nehmen in diesen Tagen alle wahr, wie abhängig wir von wenigen Konzernen sind: Je mehr wir auf dem Handy erledigen, desto weniger geht ohne Google, Apple, Amazon, Microsoft, Meta, TikTok (ByteDance) oder OpenAI. Diese Konzerne sammeln alle Daten, die sie bekommen können, um ihre KI-Anwendungen ohne Rücksicht auf Verluste oder Gefahren massiv wachsen zu lassen – mit unabsehbaren Folgen für unsere Gesellschaften. Und wenn ein Konzern wie Microsoft entscheiden kann, dass ein Mensch, beispielsweise der bisherige Chefankläger des UN-Kriegsverbrechertribunals in Den Haag, seine E-Mails nicht mehr empfangen kann, dann schränkt das die Freiheit jedes Einzelnen, aber auch der gesamten Gesellschaft ein. Zwei Ebenen also: eine, auf der jeder Einzelne mit individuellen digitalen Wechseln Freiheit zurückerlangen und seine eigene Wirksamkeit spüren kann, eine zweite, auf der Politik dringend handeln muss. Der DI.DAY gibt das Signal: Für solche politischen Forderungen gibt es viel Rückendeckung beim Wähler!
3. Jeden Monat empfiehlt die Initiative DI.DAY ein »Wechselrezept« – weg von den Monopolen der großen Tech-Konzerne, hin zu kleineren, möglichst nicht werbefinanzierten und europäischen Alternativen. Wie kommen diese Wechselrezepte an?
Björn Staschen: Die Resonanz ist riesig: Mehr als 100.000 Menschen nutzen jeden Monat unsere Wechselrezepte. Viele Menschen wünschen sich per E-Mail weitere Rezepte – und nach der Häufigkeit der Wünsche liefern wir Monat für Monat zwei bis drei neue in unterschiedlichen Kategorien: von Unterhaltung bis zur Büro-Organisation. Am häufigsten haben Menschen unsere Alternativen zu Spotify aufgerufen, auch der Wechsel von Kalender und Kontakten sowie Karten für die Navigation wird zehntausendfach genutzt.
4. Eine alternative Idee ist die Social-Media-Plattform Mastodon. Die Schöpflin Stiftung kommuniziert seit dem Frühjahr gemeinsam mit weiteren Stiftungen über einen eigenen Mastodon-Server. Ihr habt uns bei diesem Schritt begleitet. Inwiefern können gerade Stiftungen und zivilgesellschaftliche Organisationen von diesen alternativen Angeboten profitieren?
Björn Staschen: Wir freuen uns riesig, dass mittlerweile mehr als zwanzig Stiftungen mit den rund zehn Millionen Nutzenden im offen Netzwerk Fediverse im Austausch sind. Die Stiftungen bestimmen dabei selbst, nach welchen Regeln sie auf ihrem Server kommunizieren: Nicht ein US-Konzern legt fest, was erlaubt ist und was verboten, sondern jeder Nutzende selbst. Die Inhalte der Stiftungen kommen direkt bei den Menschen an, die sie abonniert haben – ohne algorithmische Verzerrung. Und die Stiftungen helfen mit ihrem Server dabei, eine echte Alternative zu den Big-Tech-Netzen entstehen zu lassen. Das ist auch ein politisches Signal: Je mehr Institutionen, Organisationen, Vereine, Kommunen selbst ein kleines Stückchen Infrastruktur betreiben, desto realer wird die Möglichkeit, echte Alternativen zu den Monopol-Datenstaubsaugern von Meta & Co. zu schaffen.
5. Wenn du auf die nächsten fünf Jahre blickst: Wo und bei wem soll die Idee des Digital Independence Day langfristig noch stärker wirken?
Björn Staschen: Wir wünschen uns sehr, dass auch Unternehmen – kleine wie große – die Idee des Digital Independence Days aufgreifen: In meiner Vorstellung wirbt auch ein Buchhändler wie Thalia oder ein Konzern wie Otto damit, dass die eigenen Angebote digitale Souveränität vergrößern. Und Bundes- und Landesregierungen, Kommunen und Organisationen folgen dem »Plus-Eins-Prinzip«, das Save Social vertritt: Niemand kommuniziert mehr nur auf den Big-Tech-Plattformen. Die Veränderung beginnt damit, dass jeder und jede Einzelne zumindest auch auf alternativen Plattformen präsent ist. Diese Veränderung muss jetzt dringend beginnen angesichts der wachsenden Macht der Monopole. Wir müssen diese Machtverschiebung aufhalten, wenn wir unsere Demokratien erhalten wollen.