Unsere Demokratie leidet - unter externen Bedrohungen, unter der Lustlosigkeit vieler Demokraten und unter abnehmender Toleranz für andere Meinungen. Vor allem aber leidet sie an einem Mangel an Begegnungen. Denn unsere Gesellschaft hat sich stark verändert. Ein Bereich, der sich mit gewandelt hat: die Begegnungen der Menschen. Sie sind homogener geworden, man begegnet eher Menschen, die aus ähnlichen Schichten, Milieus oder Gruppen stammen, die ähnlich denken, konsumieren und wählen. Das mag heilsam sein in turbulenten Zeiten, es ist aber für die Demokratie nicht nur gut. Viele der Orte, an denen die Gesellschaft noch vor ein, zwei Jahrzehnten zusammenkam, sind weniger geworden. Das sind etwa Kneipen, aber auch Schwimm- und Freibäder, Bibliotheken oder Jugendclubs für die Jüngeren.
Drei Prozesse waren dafür maßgeblich verantwortlich. Die Deutschen sind, erstens, individualistischer geworden. »Retreat« statt Kirche, Fitnessstudio statt Sportverein, projektförmiges Engagement statt Partei – die Elemente des Lebens werden heute freier gewählt.
Der Rückzug des Staates
Der Staat hat sich, zweitens, aus der Finanzierung öffentlicher Infrastrukturen zurückgezogen. Seit den 1990ern hieß es: Markt statt Staat. Und das hatte gute Gründe, der Staat war langsam, bürokratisch und altbacken. Der Markt sollte es richten. Kommunale Schwimmbäder wurden durch teure Erlebnisbäder ersetzt, Shoppingmalls ersetzten belebte Innenstädte, die Öffnungszeiten vieler staatlich finanzierter Einrichtungen wurden reduziert. Heute merken wir: Es wurde vielerorts zu weit getrieben.
»Wir müssen immer mal wieder einen Ausschnitt all der Menschen wahrnehmen, mit denen wir in einer Gesellschaft leben. Dafür spielen auch viele, flüchtige Begegnungen eine Rolle, denn sie irritieren unser Bild von Gesellschaft und unsere Stereotype.«
Und drittens wohnen die Deutschen stärker unter sich. Zumindest für die deutschen Städte kann man feststellen: Die Merkmale einkommensstark und mit hohen Bildungsabschlüssen findet man eher am Stadtrand, arm und bildungsarm eher in den Hochhaussiedlungen der 1960er und 70er Jahre [i], man trifft sich zwangsläufig weniger: im Hausflur, beim Einkaufen, aber auch in der Schule und beim Elternabend. Eine Nebenfolge dieser drei Prozesse ist der Wegfall vieler Begegnungsorte. Das hat Rückwirkungen darauf, wie wir zu Menschen stehen, die anders sind als wir selbst.
Demokratie braucht Begegnung von Angesicht zu Angesicht [ii]. Wir müssen immer mal wieder einen Ausschnitt all der Menschen wahrnehmen, mit denen wir in einer Gesellschaft leben. Dafür spielen auch viele, flüchtige Begegnungen eine Rolle, denn sie irritieren unser Bild von Gesellschaft und unsere Stereotype. Sprachlicher Austausch, die wiederkehrende Begegnung der immer gleichen Menschen und das gemeinsame Tun ergänzen die zufällige Beobachtung.
So werden Unbekannte zu legitimen Anderen: Wir erkennen sie als Gesellschaftsmitglieder an, obwohl sie anders sind. Das ist in Demokratien wichtig, denn abstrakt einigen wir uns mit all diesen anderen Mitgliedern der Gesellschaft auf die Regeln des Zusammenlebens.
Begegnungsorte heute
Wo Großorganisationen wie Parteien oder Kirchen, der Staat oder Großbetriebe heute kaum noch für Begegnung sorgen, springt oft die Zivilgesellschaft ein und gestaltet Begegnungen. Sie setzen oft an konkreten Bedarfen vor Ort an: Nachbarschaftstreffs, Stammtische beim Bäcker, Gartenprojekte oder Sportgruppen.
Neben zivilgesellschaftlicher Initiative braucht es aber auch stetige Orte. Hier kommen vor allem kommunale Infrastrukturen ins Spiel, etwa Bibliotheken, Volkshochschulen, Schwimmbäder, Schulen. Auch die Wirtschaft kann Begegnung gestalten: Durch Kooperationen, etwa, wenn man selbst Flächen hat, die andere bespielen. Durch den Umbau von Verkaufsflächen zu multifunktionalen Orten – was auch Infrastrukturkosten spart. So kann eine Schule etwa ein Zentrum für das Gemeinwesen sein, mit Raum für Bildung, Zivilgesellschaft, Beratung, Sport und das leibliche Wohl.
Eine spannende Frage ist, wie man breit zugängliche Orte schaffen kann, Orte für alle also. Der grüne Vordenker Peter Siller hat dies einmal mit dem Begriff »inklusive Qualität«[iii] auf den Punkt gebracht: Orte müssen eine gute Qualität im Sinne ihrer Leistungen haben, Parks etwa zur Erholung einladen, Sportmöglichkeiten bereithalten, sicher und sauber sein. Und sie müssen inklusiv sein in dem Sinne, dass man sich über die Hürden klar wird, die Menschen haben, um Orte zu nutzen. Das können bauliche Hürden sein, aber auch sprachliche oder solche der Zugehörigkeit.
Orte für (fast) alle brauchen darüber hinaus Menschen, die sich verantwortlich fühlen, die eine Gastgeber:innenrolle erfüllen, Menschen zusammenbringen und für die Einhaltung gemeinsam vereinbarter Regeln sorgen. Das müssen nicht unbedingt Gastwirt:innen oder Hausmeister sein, es können auch Anwohnende, Gewerbetreibende oder Nutzende sein. Bezieht man sie in die Gestaltung von Orten mit ein (Stichwort Beteiligung), werden sie diesen Ort auch als ihren begreifen, auf ihn achten, ihn pflegen und weiterentwickeln. Hierin liegt eine große Chance – auch dafür, unsere Demokratie neu zu beleben.
Rainald Manthe ist Soziologe, freier Autor und Vorstand der spendenfinanzierten Stiftung Bildung. In seinem 2024 erschienen Buch „Demokratie fehlt Begegnung“ widmet er sich den Alltagsorten der Demokratie und der Frage, wie sie weiterentwickelt werden können. Er schreibt regelmäßig zu den Herausforderungen und Entwicklungen der Demokratie. Ende September war er im Rahmen der aktuellen Themenreihe »In guter Gesellschaft« im Werkraum Schöpflin zu Gast.
[i] Helbig, Marcel. 2023. Hinter Den Fassaden. Zur Ungleichverteilung von Armut, Reichtum, Bildung Und Ethnie in Den Deutschen Städten. Berlin.
[ii] Ausführlich in Manthe, Rainald. 2024. Demokratie Fehlt Begegnung. Über Alltagsorte Des Sozialen Zusammenhalts. Bielefeld: transcript verlag.
[iii]https://www.boell.de/de/2016/03/17/was-heisst-inklusion-zur-orientierungskraft-eines-aufstrebenden-begriffs 05.10.2026