Fragt man unseren Stifter Hans Schöpflin nach dem Grund für sein philanthropisches Engagement, dann sagt er: »Es geht um Demokratie.« Mit Blick auf unsere überregionale Fördertätigkeit leuchtet dies ein: Hier unterstützen wir gemeinnützige Organisationen, die sich für die Weiterentwicklung der Demokratie einsetzen, Konzernmacht einschränken oder sich für eine freie und unabhängige Presse engagieren. In Bezug auf die Lörracher Aktivitäten der Schöpflin Stiftung drängt sich dieses Ziel auf den ersten Blick dagegen nicht unbedingt auf. Die Stiftung hat den Grundstein für ihr lokales Engagement mit dem Suchtpräventionszentrum »Villa Schöpflin« in Lörrach-Brombach gelegt. Es folgten der Kultur- und Veranstaltungsort Werkraum Schöpflin, das städtebauliche Planungsprojekt »FABRIC« sowie, zuletzt, die Schöpflin Schule. Um zu verstehen, was das lokale mit dem überregionalen Engagement verbindet, hilft es, einen Blick auf unser Verständnis von Demokratie zu werfen – und darauf, wie es im Moment weltweit um sie steht.
In Europa, aber auch in den USA und anderswo auf der Welt, beobachten wir eine zunehmende Demokratiemüdigkeit, wie sich insbesondere im erstarkenden Rechtspopulismus zeigt. Als ein Hauptgrund dafür, dass Menschen sich von Freiheiten und Werten abwenden, die ihnen das demokratische System verspricht, gilt Politikverdrossenheit. Die Frage nach den Ursachen für und den möglichen Auswegen aus dieser Entwicklung wird in Politik, Wissenschaft und Medien intensiv diskutiert.
Wir glauben, Demokratie muss für alle erlebbar, in ihrem alltäglichen Miteinander erfahrbar sein. Dabei geht es nicht in erster Linie um einheitliche Werte oder Normen, sondern vielmehr um die »Spielregeln«: Es geht um die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft gestalten. Demokratie braucht die aktive Mitwirkung von Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen und können – für sich selbst, aber auch für die Gesellschaft insgesamt. Sie braucht Menschen, denen bewusst ist, dass unsere Gesellschaft nur als Gemeinschaft funktioniert und dass diese Gemeinschaft nicht im Zusammenschluss von Gleichgesinnten besteht, sondern im Miteinander von Vielfalt. Um aber Vielfalt als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu empfinden, braucht es Räume und Strukturen, in denen Aushandlungsprozesse stattfinden können, die Fähigkeit zum Dialog eingeübt sowie die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und Teilhabe gelebt wird. Solche Räume und Strukturen zu schaffen, ist ein zentrales Anliegen der Schöpflin Stiftung.
Ein solcher Raum kann ein Suchtpräventionszentrum sein. Die Villa Schöpflin in Lörrach befähigt junge Menschen, Risikokompetenzen für den Umgang mit Suchtmitteln und Verhaltensweisen mit Suchtcharakter zu erlangen. Dabei geht es nicht um Verbote, Moralpredigten oder Belehrungen, sondern darum, die Jugendlichen dabei zu unterstützen, sich eigene realistische Ziele zu setzen und diese dann auch umzusetzen. Indem sie lernen, dass sie selbst in der Lage sind, sich aus einer schwierigen Situation zu befreien, machen sie die Erfahrung von Eigenverantwortung und Selbstbestimmtheit. Sie erleben dabei zudem, dass sie mit ihren Problemen nicht alleingelassen werden und Teil einer Gemeinschaft sind, für die sie zählen.
So ein Raum kann auch ein Kultur- und Veranstaltungsort wie der Werkraum Schöpflin sein, denn Kultur eröffnet neue Perspektiven; sie kann den Blick auf das Ungewohnte verändern und Denkanstöße geben. Auch in der Stadtplanung kann ein solcher Raum entstehen, wenn, wie beim Projekt »FABRIC« in Lörrach-Brombach, Menschen vor Ort gefragt werden, was sie sich für ein neues Quartier wünschen.
Ein solcher Raum ist aber insbesondere auch die Schule. Als Institution, die jeder junge Mensch durchläuft, hat sie eine wichtige Sozialisationsfunktion für ein demokratisches Gemeinwesen. Hier ist der Ort, um Verantwortung zu lernen. Ein zentrales Element dabei ist die Förderung von Mitgestaltung und Mitsprache, denn »Verantwortung kann nur lernen, wer Verantwortung trägt«. In der Schöpflin Schule werden Kinder aktiv danach gefragt, welche Fragen und Themen sie bewegen; sie selbst geben damit die Navigation durch den Lehrplan vor. Die Kinder lernen dabei auch, dass Mitbestimmung sich nicht in der Durchsetzung individueller Interessen erschöpft, sondern auch bedeutet, unterschiedliche Bedürfnisse und Wünsche in Einklang zu bringen und Entscheidungen auszuhandeln.
Wir sind überzeugt: Wenn Demokratie Gefahr läuft, sich selbst abzuschaffen, liegt dies nicht daran, dass sie als politisches System versagt hat. Vielmehr ist diese Krise Ausdruck davon, dass Demokratie nicht tief genug im Alltag und der praktischen Erfahrungswelt einer Gesellschaft verankert ist. Wenn Menschen wiederholt die Erfahrung machen, dass ihr Einsatz keinen Unterschied macht, drohen Frust und Resignation. Demokratie braucht daher dauerhaft Strukturen, die Partizipation ermöglichen. Demokratie ist, so der Historiker Till van Rahden, »eine fragile Ordnung«, die immer wieder neu entworfen und eingeübt werden muss.
Dieser Text (Autorin: Larissa Wegner, Schöpflin Stiftung) ist in längerer Fassung auch im Stadtbuch Lörrach 2023 erschienen und in dieser Version in unserem Newsletter vom Februar 2024 .
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