Während Journalismus lange als eine Institution für die Wahrheit galt, wenden sich heute viele Menschen ab. Für eine demokratische Gesellschaft ist das ein Problem, ist sie doch darauf angewiesen, dass Menschen sich auf Basis verlässlicher Informationen eine Meinung über das Zusammenleben bilden – und daraus eine öffentliche Meinung entsteht. Ein Grund für die Abwendung vom Journalismus ist, dass Menschen die eigenen Erfahrungen und Sorgen in den Medien nicht ausreichend wiederfinden. Das haben die Journalist:innen Helene Bubrwoski, Chefredakteurin der Table.Briefings und Simon Strauss (FAZ) zum Anlass genommen, gemeinsam mit wissen.live, dem digitalen Wissensprogramm der vhs in Deutschland, ein Projekt zu starten, dass das Zuhören und die Begegnung in den Mittelpunkt rückt. Anfang März stellten sie das von der Schöpflin Stiftung und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung geförderte Projekt »Volkes.Stimmen – Demokratie in Bewegung« im Publix Berlin öffentlich vor.
In einem ersten Teil des Projekts haben (Hauptstadt-)journalist:innen mit Menschen aus dem ganzen Land Gespräche geführt, darunter vor allem Menschen, die außerhalb großer städtischer Zentren leben. Die Journalist:innen sind zu ihnen gereist, haben sich Zeit genommen, in ihre Welt einzutauchen und Fragen gestellt. Das Ziel dabei: Wieder mehr miteinander als übereinander zu sprechen. Zuhören und herauszufinden, was Menschen am Journalismus und in der Gesellschaft vermissen. So unterschiedlich die Antworten der Menschen waren: Im Kern ging es in allen um Vertrauen und das Gefühl von Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft. Ihre Resümees dieser 17 ausführlichen »Gespräche aus dem Alltag über die Lage unseres Landes« haben die Journalist:innen unter anderem in einer Publikation zusammengefasst. Welche besondere Qualität diese Gespräche hatten, beschreibt darin die Journalistin Anna Schiller: »Als Journalistin bekomme ich selten direkt mit, wie meine Artikel auf Betroffene und Leser wirken. Im Redaktionsalltag geht es meist um Fakten und Formulierungen – weniger darum, was Texte bei den Menschen auslösen, über die oder für die man schreibt. Dieses Gespräch hat die Distanz, die ich sonst zu meinen Lesern habe, für einen Moment überbrückt.«
In den kommenden Monaten wird das Dialogprojekt Volkes.Stimmen in zehn Volkshochschulen im Land Station machen. In interaktiven Austauschformaten werden Bürger:innen und Journalist:innen dort in kleiner Runde miteinander ins Gespräch kommen – über ihre Lebenswirklichkeit, ihre Wahrnehmung von Politik und Medien und der öffentlichen Debatte.