Es gehört eine Menge Mut dazu, sich als erwachsene Person nicht nur mit selbstgeschriebenen Texten aus der Jugend zu beschäftigen, sondern aus diesen auch öffentlich zu lesen– aus Tagebüchern, Briefchen von der Klassenfahrt, Songtexten oder Facebook-Posts. Darin war sich das Publikum des ersten »Diary Slam« im Werkraum Schöpflin einig. Dort haben Mitte Juli vier Frauen zwischen 30 und 60 Jahren den Mut aufgebracht, das frühere Ich öffentlich zu zeigen und über ihre damaligen Träume, Ambitionen und Hoffnungen zu sprechen.
Im Interview schildert die Sabrina Lössl, Programmleitung Vermittlung Kinder und Jugendliche im Werkraum Schöpflin, weshalb das Format neben Gelassenheit auch das Gemeinschaftsgefühl fördert.
»Wir ähneln uns mehr, als wir vermuten.«
Menschen lesen öffentlich Texte aus ihrer Jugend. Wie kam es zu dieser Idee?
Vor einiger Zeit habe ich in einer Theatergruppe aus meinen alten Tagebüchern vorgelesen. Dabei habe ich gemerkt, wie viel Mut und Überwindung das kostet. Gleichzeitig war es aber auch sehr berührend und lustig. Schließlich braucht es Mut, persönliche Texte zu teilen und sich mit seinem früheren Ich zu zeigen, genauso wie Offenheit und die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Darum geht es uns: Der Diary Slam erlaubt einen etwas milderen Blick auf uns selbst, er erlaubt, dass wir unserem jüngeren Ich, aber auch anderen, mit mehr Freundlichkeit begegnen. Die Idee dahinter ist, dass Menschen zusammen- und miteinander ins Gespräch kommen und dadurch ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Man kann gemeinsam über alte Schwärmereien, Fan-Momente oder die Dramen der Pubertät lachen, sich in den Geschichten anderer wiedererkennen.
Was ist das Faszinierende an diesen Texten?
Die Zeit des Erwachsenwerdens ist voller Veränderungen. Wir suchen nach dem eigenen Platz in der Welt, verlieben uns, zweifeln an uns, vergleichen uns mit anderen. Das macht diese Texte so spannend. Sie sind oft unglaublich ehrlich. Gleichzeitig denken wir häufig, wir seien die Einzigen mit bestimmten Gefühlen: die Einzigen, die sich schüchtern fühlen, einsam oder nicht dazugehörig. Wenn man dann die Texte anderer hört, merkt man plötzlich: Das kennen ganz viele. Wir ähneln uns mehr, als wir vermuten.
Wie war die Resonanz auf den Slam?
Ich habe das Gefühl, dass das Thema bei vielen Menschen etwas auslöst. Fast jede Person erinnert sich an eine bestimmte Phase oder an eine Version ihrer selbst, die sie längst vergessen glaubte. Diese Menschen von damals stecken ja immer noch in uns. Wenn wir in alte Tagebücher schauen, erinnern wir uns plötzlich daran, womit wir uns früher beschäftigt haben – mit großen Gefühlen, aber oft auch mit Dingen, die heute völlig banal erscheinen. Vielleicht ist genau das die Stärke dieser Texte: Sie erinnern uns daran, wer wir einmal waren. Das Teilen dieser Erinnerungen kann uns zeigen, dass wir mit unseren Unsicherheiten, Hoffnungen und Träumen nie allein gewesen sind – und uns ein Stück weit mit unserem jüngeren Ich versöhnen.