Anekdoten gab es so manche an diesem Abend: über ihren Start im Werkraum Schöpflin vor 15 Jahren, ausgestattet mit einer Arbeitsplatte, aber ohne Stuhl, Stift oder Budget, dafür mit dem Auftrag, in diesem Gebäude einen Begegnungsort zu schaffen. Über ein lebensgroßes Gorillapuzzle, an dessen Installation sie fröhlich scheiterte. Über programmatische Themenreihen, die ihrer Zeit oft voraus waren - zu Rassismus, Tierwohl, Migration oder Klimawandel.
Im Zentrum des Fests für die langjährige Leiterin des Werkraum Schöpflin aber standen zwei Dinge: ihre Würdigung als Gründungsintendantin, die von Beginn an zu »organisieren, moderieren, kuratieren« wusste und schon nach wenigen Monaten mit dem ersten Programm die »Feuertaufe« bestand, so Stifter Hans Schöpflin in seiner Dankesrede. Eine Sprachvernarrte, Feministin und Antifaschistin, der es gelungen ist, im beschaulichen Lörracher Ortsteil Brombach ein »Haus der Unruhe« zu etablieren, ein Haus für politische Kultur. Wesentlich aber prägte den Abend Birgit Degenhardts persönlicher Rückblick auf diese Zeit. Sie nahm ihn nicht in Form einer Erinnerungsreise vor, sondern kondensierte ihren Rückblick in zehn Wünschen, konkreter, zehn Forderungen für die Kultur. Gefeiert wurde (sie) von ihrem Team und den Gästen im Anschluss ausgiebig.
Künftig wird Birgit Degenhardt im Auftrag der Stiftung die Lörracher Kinderbuchmesse, die sie vor mehr als drei Jahrzehnten etabliert und ehrenamtlich geleitet hat, auch in anderen Städten ins Leben rufen. Für den Werkraum wird sie weiterhin Theater für Kinder kuratieren und ab 2026 eine neue Reihe zur Erinnerungskultur mitgestalten.
Hier dokumentieren wir die zehn Forderungen für die Kultur aus Birgit Degenhardts Abschiedsrede:
- »Ich will, dass Kultur ein Grundrecht und kein Luxus, kein Sahnehäubchen ist, das in jeder dahergelaufenen Krise als erstes gekürzt, gestrichen, an den Rand der Existenz gedrängt wird. Wer Demokratie will, muss Kultur verlässlich finanzieren – verpflichtend, dauerhaft, und sie muss in unserer Verfassung verankert sein.
- Ich will Kultur für alle – damit meine ich Kultur für Kinder ganz besonders. Keinen Kinderteller – zum halben Preis die halbe Portion, sondern indem wir Kinder ernst nehmen und ihnen nur das Allerbeste, das Allerfeinste an Kultur servieren – wie das Kindertheater im Werkraum Schöpflin mit Schöpflins Wundertüte, das wir auf meine Initiative ins Programm genommen haben und natürlich mit der Kinderbuchmesse, die ich erfunden habe. Ich meine damit unbedingt auch alles, was wir unter kultureller Bildung verstehen (Workshops, Leseclubs usw.) – für Kinder und für alle.
Kultur soll nicht exklusiv für wenige glänzen, sondern überall leuchten.
Kultur soll nicht nur für diejenigen erlebbar sein, die sie bezahlen können.
Wusstet ihr, dass in einem Jahr in Deutschland rund 19 Millionen Menschen in die Fußballstadien der 1. und 2. Bundesliga gehen, während alleine über 100 Millionen Menschen Museen besuchen. Ich habe gar nichts gegen Fußball, außer wenn die korrupte FIFA Friedenspreise erfindet. Aber mal unter uns: Wir sind mehr, lassen wir uns nicht die Butter vom Brot nehmen, sondern fordern wir auch entsprechende Finanzierung der Kultur! In Museen, in Theatern, überall!
- Ich will, dass Kultur auch in den Kommunen stark ist – also keine freiwillige Leistung, kein Betteln, sondern genauso eine Pflicht wie Straßen, Schulen und Krankenhäuser. Wir leben nicht ausschließlich vom Essen, Atmen und Trinken – wir brauchen Farben, Geschichten, Phantasie – das weiß ja schon Frederick, die Maus aus dem weltberühmten Bilderbuch. Frederick habe ich vor einem Jahr hier in den Werkraum eingeladen.
- »Kultur für alle« heißt auch, dass Barrieren verschwinden müssen. Wer behauptet, Kultur sei offen und vielfältig und für alle da, der oder die braucht auch diverse Teams, Experimentierfreude bei den kulturellen Formaten, bezahlbare Eintrittspreise, barrierefreien Zugang. Sonst ist Inklusion nur ein Schönwetter-Lippenbekenntnis. Und divers bedeutet übrigens vieles – z. B. divers in der Biographie, divers im Alter, divers in der Herkunft, divers in Stärken und Schwächen …
- Ich will, dass Künstler:innen richtig gut bezahlt werden. Honorardumping bedeutet nämlich, Kultur zu vernichten. Künstler:innen müssen sozial abgesichert sein und sich auf langfristige Förderungen verlassen können. Kultur ist tatsächlich »richtige Arbeit«. Ich habe mich – auch hier im Werkraum – immer dafür stark gemacht, Künstler:innen gut, angemessen, fair zu bezahlen. Darauf bin ich stolz.
- Kunst und Kultur müssen weh tun und politisch sein dürfen. Wir brauchen Kultur, die irritiert, Kultur, die widerspricht und provoziert. Wenn ihr Kultur wollt, die gefällig ist, die euch nichts abverlangt, die euch gemütlich unterhält, dann werdet ihr euch langweilen. Und ihr verschwendet die demokratische Sprengkraft von Kultur.
Kunst und Kultur müssen radikal frei sein, sich keinem Nutzen unterordnen – ich habe mal ernsthaft Theater für Kinder angeboten bekommen, das zum Zähneputzen anhalten wollte. Aber erhobene Zeigefinger können mir gestohlen bleiben.
Wir laden hier auch nichts Gefälliges ein, um irgendwelche Politik zu illustrieren, während andere Kunstformen verfolgt und diffamiert werden! Tabubruch und Grenzüberschreitung sind immer wieder erforderlich, um uns mit den großen Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen, mit Diktatoren, Menschenrechtsverletzungen und Völkermord.
Mit dem Werkraum Schöpflin ist es mir gelungen, politische Kultur zu machen und dafür ein Publikum zu gewinnen. Für diese Möglichkeit bin ich dankbar und dass uns das gelungen ist, dafür gratuliere ich mir und meinem Team.
- Ach – und da gibt es ja auch noch die Erinnerungskultur – oder wie Max Czollek es formuliert: das Versöhnungstheater. Antisemitismus, Antiislamismus, Rassismus und Rechtsextremismus – ob in Deutschland, in den USA, in Nahost oder anderswo – sind gegenwärtig und allüberall (nicht nur auf den Tannenspitzen).
Kunst und Kultur müssen deshalb stabil Haltung zeigen. Wer schweigt, wenn die Menschenwürde angegriffen wird, gefährdet die Demokratie, das Grundgesetz, also alles, was uns ausmacht.
Mit dem Bündnis 5 vor 12 – für Demokratie und gegen Rechtsextremismus machen wir genau das seit zwei Jahren auch hier im Werkraum Schöpflin. Erinnerungskultur machen wir hier, indem wir an Schulen gehen – meine wunderbaren Kolleginnen mit ihrer theaterpädagogischen Kunst und ich – wenn ich immer wieder die Geschichte meines Opas erzähle, der im KZ Buchenwald war.
- Kunst und Kultur müssen mutig auch neue Formen ausprobieren, selbst wenn sie unseren sogenannten Kanon durcheinanderwirbeln und wir das erst mal gar nicht alles verstehen. Aber wer versteht schon alles – von der Quantenphysik bis Warten auf Godot? »Der Wald ist groß, die Finsternis auch«, so erklärt es Thomas Bernhard.
- Ich bin auch sehr für kulinarische Kultur, die für mich vom Iskender-Döner bis zum Sterne-Restaurant, von der biologisch-regionalen Küche bis zu Neuem und Unbekanntem reicht. Wer kochen kann, ist klar im Vorteil. Kochen ist kontemplativ, ausgleichend, kreativ, Kochen ist Liebe und schmeckt so gut!
- Kultur verwaltet keine Traditionen in Opernhäusern oder auf den knarrenden Dielen der Museen. Kultur findet hier und heute statt. Kultur verändert dich als Mensch. Kultur ist radikal, verwirrend, Kultur stellt deine vermeintlichen Gewissheiten in Frage.
(…) Mein Fazit: Hier im Werkraum Schöpflin habe ich gemeinsam mit meinem Team und so demokratisch wie nur möglich – also ohne autoritäre Strukturen wie immer noch in vielen Theater- und Kulturhäusern – einen Ort der politischen Kultur geschaffen. Wir können nämlich nicht innen autoritär sein und auf der Bühne Demokratie predigen. Das glaubt uns keine und keiner.
Wir haben in 15 Jahren Werkraum Schöpflin einen Ort der Begegnung, des Austauschs und des Engagements geschaffen. Zum Erleben aufwühlender und unvergesslicher Kunst, zum Streiten, zum Informieren, zum Ausprobieren und Selbermachen. (…)«
Vor diesem Lebenswerk verneigen wir uns als Kolleg:innen der Schöpflin Stiftung – Chapeau!