Villa Schöpflin und Schöpflin Stiftung stellen App »freii« vor. Es ist ein Smartphone zu sehen, dass das Interface der App zeigt.

Für bewusste Mediennutzung – Villa Schöpflin und Stiftung stellen App »freii« vor

Mehr als 90 Prozent der 13-Jährigen sind auf Social Media aktiv, und schon 15-jährige verbringen im Schnitt mehr als sieben Stunden täglich vor einem Bildschirm. Digitale Medien sind aus dem Alltag von Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Der richtige Umgang mit ihnen stellt Familien allerdings oft vor Herausforderungen: Schätzungen gehen davon aus, dass schon rund drei Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland eine riskante Mediennutzung zeigen.Mit »freii« hat unsere Tochtereinrichtung Villa Schöpflin ein bundesweit einzigartiges Programm zur Medienprävention entwickelt, das jetzt auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde. freii richtet sich an Kinder bzw. Jugendliche zwischen 11 und 15 Jahren sowie deren Eltern und möchte Familien bei einem ausgewogenen Umgang mit digitalen Medien unterstützen. Das Programm, das über eine App durchgeführt wird, wurde extern evaluiert, bundesweit an Schulen erprobt und steht ab sofort als kostenfreie Betaversion zur Verfügung. Im Interview gibt Daniel Ott, Projektleiter von freii und stellvertretender Leiter der Villa Schöpflin, Einblick in die Entstehung, den Ablauf und die Besonderheiten des Programms. 

Was ist freii und welche Idee steckt hinter der App?

freii ist ein Angebot für Familien, das eine bewusste und ausgeglichene Nutzung digitaler Medien fördert. Ziel ist es nicht, digitale Medien zu verteufeln – im Gegenteil: freii unterstützt dabei, einen reflektierten Umgang mit ihnen zu entwickeln.

Das Herzstück bildet die kostenfreie App: ein 21-Tage-Programm für Jugendliche von elf bis 15 Jahren sowie für ihre Eltern oder Erziehenden. Die Jugendlichen werden von vier Guides durch Videos, Quizfragen und tägliche Challenges begleitet, die fast immer ohne Bildschirm gelöst werden. Parallel dazu haben Eltern einen eigenen Bereich mit Infotexten, die Tipps und Impulse geben sowie Erklärvideos, moderiert von Eckart von Hirschhausen. Beide Seiten bearbeiten die gleichen Themen – mal allein, mal gemeinsam in Familienchallenges. So fördert das Programm gezielt Austausch und Kommunikation, gibt Impulse für gemeinsame Freizeitaktivitäten und stärkt eine bewusste Mediennutzung nachhaltig. 

Darüber hinaus begleitet freii Familien langfristig, etwa über Angebote auf einem eigenen YouTube-Kanal, der aktuelle Themen aufgreift und weitere Orientierung bietet.

Was hat den Anstoß für die Entwicklung der freii-App gegeben? Wo sieht die Villa Schöpflin den Bedarf für diese Art von Programm?

Die Villa Schöpflin beobachtet seit vielen Jahren in Beratungen und Workshops, dass riskante oder krankhafte Mediennutzung zu erheblichen Spannungen in Familien führt: zu weniger Gesprächen, gereizter Stimmung, zu Konflikten beim Abschalten digitaler Geräte. Diverse Studien zeigen zudem, dass Internetnutzungsstörungen die schulische Leistung, die Gesundheit, Psyche und das Familienleben stark beeinträchtigen können. 

Viele der bisherigen Präventionsprogramme setzen jedoch meist nur punktuell an, etwa beim Thema Cybermobbing oder Gaming, und richten sich oft nur an jüngere Kinder oder ausschließlich an die Eltern. Daraus entstand die Idee für freii: ein niedrigschwelliges, wissenschaftlich fundiertes, softwarebasiertes Programm, das Jugendliche und ihre Eltern dort abholt, wo digitale Medien längst zum Alltag gehören – zuhause und in der Schule.

Die freii-App ist das erste softwarebasierte Programm, das die Villa Schöpflin entwickelt hat. Wie lief der Entwicklungsprozess ab und welche Aspekte haben externe Partner wie das Uniklinikum Mainz oder die Suchthilfe eingebracht?

Zunächst führten wir eine umfassende Literaturrecherche und Bedarfsanalyse durch. Anschließend trafen wir uns mit einem interdisziplinären Expert:innen-Team aus Wissenschaft, Praxis, UX-Design und Programmierung in Berlin. Unser Ziel war es, freii partizipativ zu entwickeln, um möglichst viele Perspektiven bei der Entwicklung des Programms einfließen zu lassen. Deshalb haben wir auch Lehrkräfte, Eltern und Schüler:innen miteinbezogen. 

In Workshops haben wir nach der Google Design Sprint-Methode Ziele festgelegt und methodische Schwerpunkte entwickelt. Auf dieser Grundlage entstand freii. Die konkrete Ausarbeitung des Programms und der App lag bei der Villa Schöpflin, externe Partner standen beratend zur Seite. Die technische Umsetzung übernahm »The Cookie Labs« aus München, das Corporate Design entwickelte das Studio »Peter Post X Petra Esveld«.

Der Name »freii« entstand ebenfalls im Rahmen der Workshops und steht für »Freiräume außerhalb des Internets« und »Frei von Streit zuhause«. Das doppelte »i« symbolisiert die Zusammenarbeit von Jugendlichen und Eltern auf Augenhöhe. 

2024 führten wir eine Machbarkeitsstudie an acht Schulen und insgesamt 27 Klassen durch, deren Ergebnisse sehr positiv waren. 2025 folgte eine vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Effektstudie mit knapp 3.000 Jugendlichen und Eltern in 134 Schulklassen und elf Bundesländern.

In welchen Momenten war die Entwicklung von freii herausfordernd und wie habt Ihr das gelöst?

Eine der größten Herausforderungen war, die sehr unterschiedlichen Zielgruppen – Jugendliche und Eltern – gleichermaßen anzusprechen. Dies haben wir gelöst, indem wir eigene Programmteile für Eltern und Jugendliche entwickelt haben, die inhaltlich aufeinander abgestimmt sind. 

Eine weitere Herausforderung war die Frage der technischen Umsetzung und Datensicherheit. freii speichert bewusst keine personenbezogenen Daten wie E-Mail-Adressen oder Telefonnummern. Damit haben wir ein Angebot geschaffen, das vollständig anonym funktioniert und gleichzeitig das Vertrauen der Familien gewinnt.

Was passiert in der App konkret und wie lange dauert das Programm?

Das Programm dauert insgesamt 21 Tage. Der tägliche Zeitaufwand in der App beträgt für Jugendliche drei bis sechs Minuten, für Eltern nur etwa zwei Minuten.

Die Jugendlichen wählen zu Beginn einen von vier Guides, der sie durch das Programm begleitet. Jeder Tag beginnt mit einem Video, in dem die Guides Tipps zur Mediennutzung geben, Wissen vermitteln und Impulse für die Freizeitgestaltung setzen. Anschließend folgt eine Tages- Challenge, die überwiegend offline stattfindet. Die Tages - Challenges sind vielfältig, beispielsweise sollen die Kinder und Jugendlichen einen Rückzugsort für sich benennen, einen festen Handyplatz für die Nacht festlegen oder einen kurzen Selbsttest machen. Auch gemeinsame Aktivitäten mit Freund:innen oder Mitschüler:innen gehören dazu. 

In Audiobotschaften teilen die Guides ihre eigenen Erfahrungen. Ergänzend gibt es an manchen Tagen Quizfragen, die Wissen spielerisch testen und Fun Facts vermitteln – eine Frage lautet beispielsweise: »Wie viele Meter scrollt ein durchschnittlicher Jugendlicher am Tag?«

Die Eltern erhalten parallel dazu Infotexte oder Erklärvideos, die ihnen verschiedene Aspekte der Mediennutzung näherbringen, wie beispielsweise der richtige Umgang mit Social Media. Auch unterstützt freii Eltern dabei, mit ihren Kindern ins Gespräch zu gehen und gibt Anregungen für die Kommunikation in schwierigen Situationen.

Im Laufe der 21 Tage gibt es vier Familien-Challenges, die Jugendliche und Eltern gemeinsam bearbeiten. Falls während des Programms ein Tag mal ausgelassen wird, können die Aufgaben problemlos nachgeholt werden, sodass die Jugendlichen und Eltern nichts verpassen. Wird freii in Begleitung der Schule durchgeführt, gibt es zu Beginn und am Ende der 21 Tage einen Workshop mit einer ausgebildeten Fachkraft – das können Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter:innen sein, die wir dafür entsprechend geschult haben. 

Was unterscheidet freii von anderen Medienpräventionsprogrammen? 

Die meisten Medienpräventionsprogramme richten sich an Kinder unter zwölf Jahren. Auch unser anderes Programm in der Villa Schöpflin, »Max & Mina«, ist für Schulklassen der Jahrgangsstufe vier bis sechs ausgerichtet. freii hingegen spricht gezielt Jugendliche zwischen elf und 15 Jahren an.

Was freii besonders von anderen Medienpräventionsprogrammen abhebt, ist die Integration im Alltag. Während viele Angebote nur innerhalb der Schule und in Workshops stattfinden, kann freii jederzeit und überall genutzt werden. Durch den softwarebasierten Ansatz ist die Teilnahme einfach und erreicht mehr Jugendliche.

Die Gamification des Programms erhöht außerdem die Motivation, dranzubleiben. Spielerische Elemente wie Challenges, Quizzes oder das Sammeln von Punkten machen freii interaktiv. Zudem werden durch die dreiwöchige Laufzeit viele verschiedene Facetten der Mediennutzung wie Gaming oder Social Media abgedeckt.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der ganzheitliche Ansatz: Sowohl Eltern als auch Jugendliche nehmen am Programm teil, arbeiten gemeinsam an Aufgaben und können im Rahmen der schulischen Begleitung auf eine ausgebildete Fachkraft als Ansprechpartner:in zurückgreifen. 

Welche Rolle spielen die vier Guides und wie habt Ihr diese ausgewählt?

Da freii als softwarebasiertes Programm stark auf Videos setzt, brauchten wir Personen, die die Inhalte lebendig vermitteln und einen persönlichen Bezug zu den Jugendlichen herstellen können. Martin D’Costa von Dschungelfilm und Matthias Vogel, die uns beide bei der Videokonzeption und -erstellung unterstützen, starteten einen Aufruf in ihrem Netzwerk. So kamen wir zu den vier Guides Dennis, Kiana, Luis und Melina. 

Für die Familienchallenges und Erklärvideos konnten wir Eckart von Hirschhausen gewinnen. Auf dem YouTube-Kanal von freii begleitet er die Eltern über das 21-Tage-Programm hinaus und klärt über Internetnutzungsstörung und Medienprävention auf. Damit die vermittelten Inhalte wissenschaftlich korrekt dargestellt werden, wirkt außerdem Dr. Kai Müller von der Uniklinik Mainz mit. 

Die vier Guides begleiten Nutzer:innen ebenfalls auf dem freii-  YouTube-Kanal. Sie vermitteln Eltern Einblicke in digitale Lebenswelten von Jugendlichen und klären über Videospiele oder Social-Media-Plattformen auf. So wird der Kanal als Wissensdatenbank fungieren, die regelmäßig aktualisiert wird.

 Wie unterscheidet sich der Ablauf des Programms bei selbstständiger Nutzung der App von der Begleitung im schulischen Kontext?

Bereits während der Machbarkeitsstudie haben wir viele Anfragen erhalten, freii allen Familien zugänglich zu machen. Da das Thema gesellschaftlich hoch relevant ist und es aktuell kein vergleichbares Präventionsprogramm gibt, haben wir uns gemeinsam mit der Schöpflin Stiftung dafür entschieden, das Programm allen zur Verfügung zu stellen – unabhängig davon, ob eine Begleitung durch die Schule stattfindet oder nicht. Wir freuen uns, die Beisheim Stiftung als gleichberechtigten Partner gewonnen zu haben, die uns bei der bundesweiten Skalierung des Programms unterstützt. Die Beisheim Stiftung hat in den vergangenen Jahren erfolgreich Programme in den Bereichen Bildung und Mentaler Gesundheit entwickelt und wird neben dem finanziellen Engagement auch ihre Erfahrungen im Aufsetzen von Programmen in der digitalen Welt bzw. im Bildungsbereich einbringen.

Inhaltlich funktioniert die App immer gleich. Bei der Durchführung des Programms im schulischen Kontext gibt es jedoch zusätzliche Angebote. Von uns geschulte Fachkräfte führen ein Einführungs- und Abschlussmodul durch, in denen die Schüler:innen vertiefende Informationen, etwa zum Thema Internetnutzungsstörung und Freizeitverhalten erhalten. Die Fachkräfte stehen außerdem als Ansprechpartner:innen für die Jugendlichen und Eltern bereit, wenn es Probleme oder Fragen zum Programm gibt. Die Schüler:innen können außerdem in der App Punkte sammeln, und die beste Klasse gewinnt einen Beitrag für die Klassenkasse. Im Abschlussworkshop am Ende des Programms werden die wichtigsten Erkenntnisse reflektiert und Erfahrungen ausgetauscht, sodass auch diejenigen Schüler:innen, die das Programm unterbrochen haben, die zentralen Informationen erhalten.

Für die schulische Begleitung von freii braucht es nicht zwingend eine Suchtpräventionsfachkraft – auch Lehrkräfte oder Schulsozialarbeiter:innen können diese Rolle übernehmen. Die zweitägigen Schulungen zu freii finden bundesweit statt und vermitteln sowohl Hintergrundwissen als auch methodische Kompetenzen, um die Klassen eigenständig zu begleiten. Nur von uns geschulte Fachkräfte können Schulgruppen in der App anlegen und Rankings freischalten.

freii wurde 2024 in einer Machbarkeits- und 2025 in einer Effektstudie evaluiert. Was sind die wichtigsten Erkenntnisse dieser Untersuchungen und wie flossen diese in die Entwicklung des Programms ein?

In der Machbarkeitsstudie 2024 wollten wir zunächst herausfinden, ob freii so funktioniert, wie wir es uns vorstellen, und ob wir unsere Ziele erreichen können.  Dabei haben wir viele Ideen getestet und Verbesserungspotenziale identifiziert. Beispielsweise wünschten sich die Jugendlichen eine stärkere persönliche Bindung zu den Guides und mehr Einblicke, wie sie die Challenges umsetzen. Daraufhin haben wir Audiobotschaften eingeführt, in denen die Guides ihre Erfahrungen teilen. Auch der Wunsch nach mehr Gamification, etwa durch einen Klassenwettbewerb, wurde umgesetzt. Kleine optische Anpassungen wurden berücksichtigt, die Grundstruktur des Programms blieb jedoch unverändert, da sie gut funktioniert.

Die bundesweite Effektstudie in diesem Jahr hat dann bestätigt, dass wir mit freii unsere Kernziele erreichen konnten. Die Jugendlichen verfügen nach den 21 Tagen über mehr Wissen zu Internetnutzungsstörungen, erkennen Warnzeichen riskanter Mediennutzung und kennen empfohlene Bildschirmzeiten. Außerdem konnten wir mit freii ihre sozialen Handlungskompetenzen stärken. Sie trauen sich nun eher zu, Mitschüler:innen anzusprechen, wenn sie bei ihnen eine riskante Mediennutzung beobachten, oder selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn sie merken, dass sie selbst die Kontrolle verloren haben. Fast die Hälfte der Jugendlichen gab an, dass freii sie motiviert, ihr Freizeitverhalten zu verändern und mehr Offline-Aktivitäten wie Sport und Hobbys auszuüben oder Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Etwa ein Drittel versteht nach dem Programm besser, warum Regeln zuhause wichtig sind und weshalb es notwendig ist, diese einzuhalten.

Wie geht es nach dem Launch der App weiter? Was sind die nächsten Schritte? 

Bis Ende des Jahres soll freii nicht nur als Web-App, sondern auch in den Appstores verfügbar sein. Das Ausrollen von freii sowie die stetige Weiterentwicklung werden seit dem 1. September 2025 gemeinsam von den gleichberechtigten Partnern Beisheim Stiftung und Schöpflin Stiftung gefördert.

Auch den YouTube-Kanal von freii möchten wir weiter ausbauen und regelmäßig mit neuen Inhalten befüllen. Da sich die Themen, die freii behandelt, stetig weiterentwickeln, werden wir auch die Inhalte der App immer wieder auf Aktualität prüfen und entsprechend anpassen. 

 

Weitere Informationen zu freii gibt es auf der Website www.freii.de

In einem Video gibt Eckart von Hirschhausen gemeinsam mit dem freii-Team nähere Einblicke in das Programm. Jetzt anschauen: Zum Video

 

Daniel Ott, Projektleiter von freii und stellvertretender Leiter der Villa Schöpflin
Daniel OttProjektleiter von »freii« und stellvertretender Leiter der Villa Schöpflin

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