Seit Oktober 2025 leitet Esther Mikuszies den Kultur- und Debattenort Werkraum Schöpflin und den soziokulturellen Mitmachort FABRIC. Im Interview spricht sie über ihre Ideen für einen neuen Kultur- und Begegnungsort in Lörrach und darüber, was sie an ihrer neuen Wirkungsstätte überrascht.
Wie hast Du die ersten rund 100 Tage an Bord der Schöpflin Stiftung erlebt?
Mir hat von Anfang an der Gestaltungsspielraum gefallen, den ich habe, um meine Erfahrungen einzubringen. Meine neue Arbeitgeberin bringt mir großes Vertrauen entgegen, einen neuen Kultur- und Begegnungsort mit Park in Lörrach-Brombach aufzubauen. Und ich erfreue mich täglich an der Schönheit der Orte, wenn ich den Campus in Lörrach betrete, angefangen von der Ästhetik der Räumlichkeiten des Werkraums, über die Villa das Geburtshaus der Schöpflin-Familie – bis zum Gärtnerhaus. Diese Räume nehmen positiven Einfluss auf die Arbeitsatmosphäre, die ich als sehr konstruktiv und wertschätzend erlebe. Wir schaffen hier Räume, die durch ein Zusammenspiel von Architektur und Natur ein produktives künstlerisches Umfeld begünstigen.
Was überrascht an Deiner neuen Arbeitgeberin?
Mich überraschen bei der Stiftung die große Geschwindigkeit und die hohe Qualität, mit der die verschiedenen Teams im Schöpflin-Kosmos gesellschaftliche Veränderungen voranbringen. Es gibt ein permanentes Hinterfragen und Ringen, wie unser Zusammenleben und die Demokratie global gedacht besser funktionieren können. Das ist ein sehr sinnstiftender Arbeitskontext mit Wirkung.
Zuvor hast du das Kulturforum in Hanau geleitet. Was war reizvoll daran, zum Werkraum Schöpflin nach Lörrach zu wechseln?
Für mich ist es eine Rückkehr in die Region nach über 25 Jahren, denn ich habe in Rheinfelden Abitur gemacht. Während meiner Zeit als Leiterin der Goethe-Institute Nancy und Straßburg ist mir der Werkraum das erste Mal ins Auge gesprungen. Damals habe ich mich gefreut, dass es in Lörrach einen Kulturort für aktuelle gesellschaftspolitische Themen gibt. Zuletzt habe ich mit dem Kulturforum Hanau dann einen Dritten Ort geleitet, der 2025 seinen zehnten Geburtstag feierte. Bis zu 1200 Menschen aus allen sozialen Milieus, Altersgruppen und Herkünften haben das Haus, das sich als wichtiger Ort für Kultur, Bildung und Begegnung versteht, pro Tag besucht. Was Dritte Orte für das demokratische Zusammenleben leisten können, habe ich dort täglich miterlebt. Als ich letztes Jahr erfuhr, dass die Schöpflin Stiftung in Lörrach-Brombach einen neuen solchen Dritten Ort mit Park bauen möchte, war ich sofort begeistert. Und es hat mich gereizt, für eine Stiftung in einem dynamischen und innovationsfreudigen Umfeld zu arbeiten. Persönlich freue ich mich, wieder in der deutsch-französisch-schweizerischen Grenzregion zu sein und an manche Erfahrungen aus meiner Zeit in Nancy und Straßburg anknüpfen zu können.
Der Begriff ist nun mehrfach gefallen: Was genau versteht man unter einem Dritter Ort?
Den Begriff hat Ray Oldenburg geprägt: Ein Dritter Ort ist ein Ort neben dem Zuhause und neben dem Arbeitsplatz, an dem Menschen einander begegnen. Hier herrscht kein Konsumzwang. Das Besondere an einem Dritten Ort ist, das zeigt sich z.B. auch in der Welt der Bibliotheken, dass Menschen aufeinandertreffen, die sich sonst vielleicht nicht begegnen würden. Das entsteht nun in Lörrach: Im neuen »Haus für alle« wird es Arztpraxen mit Patientinnen und Patienten geben. Meine Kolleginnen und Kollegen aus der Schöpflin Stiftung werden in neue Büroräume einziehen. Gäste werden Kulturveranstaltungen besuchen oder an Workshops teilnehmen. Auch in der Gastronomie begegnen sich Menschen, die sich nicht unbedingt verabredet haben. Diese Begegnungen zu gestalten ist ein wichtiger Aspekt, gerade in unserer heutigen Gesellschaft, in der es einen Rückzug ins Private und zunehmende Einsamkeit gibt.
Gleichzeitig geht es darum, wie es gelingen kann, aus »der eigenen Blase« herauszukommen und Menschen kennenzulernen, die ein bisschen anders sind als man selbst. Das ist das große Potential eines Dritten Ortes: Durch Angebote, die parallel oder zeitversetzt stattfinden, an einem Ort eine Begegnung zu ermöglichen, die einen gesellschaftlichen Mehrwert hat. Gerade in der Begegnung mit anderen Menschen kann man lernen, wie demokratisches Zusammenleben, wie Kommunikation in der Demokratie funktioniert. Wenn mehrere Gruppen sich den öffentlichen Raum teilen, dann geht es immer auch um das Miteinander: Wie laut soll es an diesem Ort sein? Welches Verhalten kann ich tolerieren und was missfällt mir? Außerdem ist es spannend, das »Haus für alle« und den Park auch als Kreativort zu denken, an dem die Besucher:innen zusammen mit Kulturschaffenden künstlerisch tätig werden und ihn gemeinsam gestalten können. Und es soll ein Ort sein, der sehr inklusiv ist und Menschen im Alter von 1 bis 99 anspricht.
Die Lage hier im äußersten Südwesten von Baden-Württemberg ist eine besondere. Es sind zehn Kilometer nach Basel und auch nach Mulhouse in Frankreich ist es nur unwesentlich weiter. Was bedeutet es für eine Kultureinrichtung, hier ein Angebot zu kuratieren?
In der Region um Basel gibt es eine hohe Dichte an Kultureinrichtungen. Zunächst ist es spannend, zu beobachten, wie die Grenzregion funktioniert, wo und wie sich die Menschen begegnen und wie sie Kultur erleben. Treffen sich die Menschen „nur“ im Supermarkt und haben sonst wenig miteinander zu tun? Die Menschen in der Schweiz, in Frankreich und in Deutschland stehen zum Teil vor ähnlichen gesellschaftlichen Herausforderungen und es ist spannend, die Erfahrungen aus einer vergleichenden Perspektive gegenüberzustellen und voneinander zu lernen. Dabei möchte ich mit dem neuen Dritten Ort in Lörrach-Brombach Räume für Begegnung schaffen und Impulse für die Region setzen, auch über sprachliche Grenzen hinweg.
Welche Akzente willst Du in Lörrach setzen?
Wir sind momentan in einem Organisations- und Strategieprozess, in dem es u.a. darum geht, ein Konzept für das neue Haus zu arbeiten. Die gesellschaftspolitischen Themenreihen des Werkraums und der soziokulturelle Ansatz bei Fabric sollen aufgegriffen und um weitere Programmlinien ergänzt werden. Ich wünsche mir, dass in Lörrach ein neuer Ort entsteht, der mit seinen langen Öffnungszeiten den Menschen zu einer Art Zuhause wird und ihre Biographien prägt. Kultur erleben, selbst kreativ sein, anderen Menschen begegnen und neue Perspektiven kennenlernen, sich inspirieren und überraschen lassen, zusammen lernen, gesellschaftlich aktiv werden – all das soll möglich sein. Wir denken darüber nach, eine Bibliothek der Dinge einzurichten, in der man beispielsweise Brettspiele ausleihen kann. Geplant sind außerdem Räume für Tanz und Bewegung, ein Forscher:innenlabor für Grundschulkinder, ein Atelier für grobes Werken, ein großer Veranstaltungsraum für bis zu 200 Personen, eine Gastronomie, ein Raum für Lesen und Denken und vieles mehr…
Im März wird die aktuelle Themenreihe »Couragiert euch« im Werkraum fortgesetzt. Welche Veranstaltung liegt Dir dort besonders am Herzen?
Ich habe mich viel mit dem Thema politische Bürgerschaft in der Migration beschäftigt, sowohl wissenschaftlich als auch in meiner beruflichen Praxis. Daher liegen mir die Internationalen Wochen gegen Rassismus in Lörrach besonders am Herzen. Wir beteiligen uns Ende März mit einem Workshop, bei dem es um rechte Codes und Symbole in der Mode oder in den sozialen Medien geht. Und wir haben aus Hanau Said Etris Hashemi eingeladen, der den rassistischen Anschlag 2020 schwer verletzt überlebt hat. Er wird Auszüge aus seinem Buch »Der Tag, an dem ich sterben sollte« lesen. Im Gespräch wird es darum gehen, wie er rassistische Erfahrungen in seiner Jugend erlebt hat, aber auch darum, wie der rassistische Anschlag sich auf sein gesellschaftspolitisches Engagement und das Erleben von Zivilcourage ausgewirkt hat.