Grafik mit Logo des JX Fund und Reporter im Hintergrund

Journalismus im Exil stärken: Vier Jahre JX Fund

Vor vier Jahren begann der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine. Zeitgleich mit dem militärischen Angriff verschärfte Russland die Repressionen gegen unabhängige Medien noch einmal massiv. Journalist:innen wurden kriminalisiert, Redaktionen verboten, Websites blockiert. Viele Medienschaffende sahen sich gezwungen, ihre Arbeit aus dem Exil fortzusetzen – häufig unter unsicheren rechtlichen, finanziellen und persönlichen Bedingungen. Sie folgten damit dem Schicksal ihrer Kolleg:innen aus Belarus und anderen autoritär regierten Staaten. Das bewog den Verein Reporter ohne Grenzen, die Rudolf Augstein Stiftung und die Schöpflin Stiftung dazu, nur wenige Monate später die gemeinnützige Organisation JX Fund – European Fund for Journalism in Exile zu gründen. 

Ziel des Funds ist es, unabhängigen Journalismus auch in Regionen zu ermöglichen, wo er systematisch unterdrückt wird. Denn Angriffe auf freien Journalismus sind immer auch Angriffe auf die Grundlagen demokratischer Gesellschaften. Exilmedien halten Informationsräume offen, die autoritäre Regime gezielt zu schließen versuchen – für Menschen in den Herkunftsländern ebenso wie für die internationale Öffentlichkeit. Ihre Bedeutung reicht weit über nationale Grenzen hinaus. Exilredaktionen ermöglichen Einblicke in politische und gesellschaftliche Entwicklungen, die von außen kaum noch zugänglich sind. Während klassische Korrespondent:innen oft keinen direkten Zugang mehr haben, arbeiten Exiljournalist:innen weiterhin mit belastbaren Kontakten und Quellen in ihren Herkunftsländern und liefern so Einordnungen, die internationale Berichterstattung ergänzen und differenzieren.
 

Stabilität, Vernetzung, Nachhaltigkeit

In der ersten Phase des JX Funds stand vor allem die Sicherung der unmittelbaren Arbeitsfähigkeit von Medienschaffenden im Exil im Mittelpunkt: die Redaktionen suchten Technik und Produktionsräume und brauchten Unterstützung beim Verständnis der rechtlichen Rahmenbedingungen an neuen Orten – also jene Grundlagen, die Medien benötigen, um überhaupt funktionieren zu können.

In den vergangenen vier Jahren hat der JX Fund 180 Förderungen an Exilmedien vergeben, deren Journalist:innen aus über 25 verschiedenen Ländern arbeiten. Ergänzend dazu veröffentlicht das Team des JX Funds Analysen und Studien, die sichtbar machen, unter welchen Bedingungen Exiljournalist:innen arbeiten und welche strukturellen Hürden ihre Arbeit prägen. Damit wirkt der Fund nicht nur operativ, sondern auch strategisch und wissensbasiert.

Heute liegt der Schwerpunkt auf der langfristigen Stabilisierung von Exilmedien. Neben finanzieller Förderung geht es verstärkt um Organisationsentwicklung, Geschäftsmodellberatung, digitale Sicherheit und internationale Vernetzung. Ziel ist es, Exilmedien in einer Übergangsphase so zu begleiten, dass sie tragfähige Strukturen aufbauen – sowohl in der Produktion und Verbreitung von Inhalten als auch mit Blick auf nachhaltige Finanzierungsmodelle. Eine dauerhafte Finanzierung über Jahrzehnte kann der Fund nicht leisten; wohl aber Unterstützung auf dem Weg zu größerer Eigenständigkeit.
 

Wie Exilmedien ihr Publikum erreichen

Trotz massiver Zensur und technischer Blockaden erreichen viele Exilmedien ihr Publikum weiterhin – auch innerhalb autoritär regierter Staaten. Redaktionen wie »Meduza« oder »TV Rain« erzielen Reichweiten von mehreren Millionen Nutzer:innen. Denn die Exilmedien reagieren mit hoher Anpassungsfähigkeit auf staatliche Eingriffe: Sie wechseln Plattformen, nutzen Spiegelserver, Messenger-Dienste und soziale Netzwerke, entwickeln neue Distributionswege und passen ihre Strategien kontinuierlich an verschärfte Zensurmaßnahmen an. Eine russische Exil-Redaktion beschreibt:

»The core audience in Russia remains … everything is read via VPNs, mirrors, and Telegram instant-view. Readership grows year by year, albeit modestly. The secret? Gripping stories without counter-propaganda or moral superiority

(Übersetzt: »Die Kernzielgruppe in Russland bleibt unverändert … alles wird über VPNs, Mirror-Seiten und Telegram Instant View gelesen. Die Leserschaft wächst von Jahr zu Jahr, wenn auch nur moderat. Das Geheimnis? Fesselnde Geschichten ohne Gegenpropaganda oder moralische Überlegenheit.«)

Nach aktuellen Schätzungen des JX Fund nutzen zwischen 6,7 und 9,6 Prozent der russischen Bevölkerung Angebote russischsprachiger Exilmedien. Trotz des feindlichen Umfelds konnten russische Exilmedien im vergangenen Jahr ihre Reichweite auf Instagram (+108 %), TikTok (+90 %) und YouTube (+11 %) deutlich ausbauen.
 

Russische Exilmedien unter wachsendem Druck

Dabei ist die Lage russischer Medien besonders angespannt. Viele Redaktionen müssen mit dauerhafter finanzieller Unsicherheit zurechtkommen, sind rechtlichen Risiken ausgesetzt und stehen unter erheblichem psychischem Druck. Die Einstufung des JX Fund als »unerwünschte Organisation« durch russische Behörden im Oktober 2025 markiert eine weitere Eskalationsstufe. Damit ist jede Tätigkeit des Funds in Russland verboten; Kooperationen oder Förderbeziehungen einzugehen oder selbst das Teilen von Inhalten, die der JX Fund erstellt hat, können für russische Staatsbürger:innen rechtliche Konsequenzen haben. 

Auch die Berichterstattung aus Russland selbst bleibt mit erheblichen Risiken verbunden. Eine Redaktion beschreibt:

»Inside Russia, reporters risk persecution, arrests, and prison terms… safety protocols have become critically important. Enhanced digital hygiene, local lawyers, and security escorts sharply increase costs. Reporting from Russia has become harder and more expensive, but we manage

(Übersetzt: »In Russland riskieren Reporter Verfolgung, Verhaftung und Gefängnisstrafen ... Sicherheitsmaßnahmen sind deshalb von entscheidender Bedeutung. Verbesserte digitale Hygiene, lokale Anwälte und Sicherheitsbegleitung erhöhen die Kosten erheblich. Die Berichterstattung aus Russland ist schwieriger und teurer geworden, aber wir schaffen es.«) 

Im Exil zu arbeiten, bedeutet jedoch auch keinen vollständigen Schutz. Immer wieder verfolgen russische Behörden Journalist:innen in Abwesenheit im Ausland strafrechtlich, setzen sie auf Fahndungslisten oder stufen ihre Medien als »extremistisch« ein. Hinzu kommen Überwachung und Einschüchterungsversuche an neuen Aufenthaltsorten und Druck auf Angehörige in Russland. Redaktionen haben daher ihre Sicherheitsvorkehrungen insgesamt erheblich verschärft. 

Anfang März 2026 soll in Russland zudem ein Gesetz in Kraft treten, das staatlichen Behörden ermöglicht, das Internet innerhalb des Landes zentral zu steuern, zu filtern oder im Extremfall vom globalen Netz abzuschneiden. Für Exilredaktionen macht es das noch einmal schwieriger, aus Russland zu berichten. 

Des Weiteren verschärft sich die wirtschaftliche Lage vieler Exilredaktionen. Ein Journalist beschreibt:

»The advertising model is not viable; subscriptions are not viable; grants are risky; donations are risky. Only combinations of these models work… and even those outlets that have managed to combine them are still cutting staff and reducing activities.«

(Übersetzt: »Das Werbeanzeigenmodell ist nicht tragfähig, Abonnements sind nicht tragfähig, Zuschüsse sind riskant, Spenden sind riskant. Nur Kombinationen dieser Modelle funktionieren ... und selbst diejenigen Medien, denen es gelungen ist, sie zu kombinieren, bauen weiterhin Personal ab und reduzieren ihre Aktivitäten.«)

Trotz dieser Bedingungen bleibt die Nachfrage nach unabhängiger Berichterstattung in Russland hoch. Viele Menschen wissen weiterhin, wie sie als »unerwünscht« oder »ausländische Agenten« gelabelte Medien finden und konsumieren können. Die belastende Situation, der hohe Druck und der Wunsch, Menschen in der Heimat zu erreichen, haben gleichzeitig eine neue Resilienz und Innovationskraft hervorgebracht, beschreibt Maral Jekta, Geschäftsführerin des JX Fund:

»So ist die Situation heute von einem Spannungsverhältnis geprägt: zunehmende Repression auf der einen Seite, wachsende Professionalität, Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit auf der anderen. Genau dieses Spannungsfeld kennzeichnet den Zustand russischer Exilmedien im Jahr 2026.«
 

Resilienz und demokratische Verantwortung

Der JX Fund richtet seinen Fokus zunehmend auf Nachhaltigkeit und Resilienz. Ziel ist es, Exiljournalismus nicht nur kurzfristig zu stabilisieren, sondern ihn langfristig arbeitsfähig zu halten – durch verlässliche Strukturen, unternehmerische Perspektiven und sichere Rahmenbedingungen. Dabei setzt der Fund künftig verstärkt auf Media Entrepreneurship: Er unterstützt Redaktionen dabei, neue Einnahmequellen wie Abonnements, Mitgliedschaften oder digitale Tools zu erproben und alternative Finanzierungsstrategien zu entwickeln. Entrepreneurship bedeutet dabei nicht Profitmaximierung, sondern die Sicherung der Publikation unter Druck – durch klare Zielgruppenfokussierung, bessere Produktentscheidungen und diversifizierte Einnahmequellen, um die Abhängigkeit von klassischen Fördermitteln zu verringern.

Gleichzeitig investiert der JX Fund durch die finanzielle Unterstützung der Exilmedien in technologische Innovation und Sicherheit, etwa durch sichere technische Lösungen, KI-gestützte Arbeitsprozesse, dezentrale Plattformen und stabile Distributionskanäle. So sollen Exilredaktionen weiterhin Zugang zu ihren Kernzielgruppen im Herkunftsland haben und Zensur sowie Blockaden abfedern. Unterstützt wird dies durch datenbasierte Forschung und Bedarfsanalyse: Länderprofile, Reichweitenmessungen und strukturelle Kartierungen helfen, Unterversorgungen aufzudecken und Förderentscheidungen evidenzbasiert zu treffen.

Vier Jahre nach seiner Gründung ist der JX Fund zu einem zentralen Akteur für Journalismus im Exil in Europa geworden – und zu einem sichtbaren Zeichen gegen die systematische Aushöhlung demokratischer Öffentlichkeit in autoritär regierten Staaten.

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