Fehler zuzugeben ist nicht leicht – erst recht nicht in der Politik. Jeder Fehltritt wird von Konkurrenten und der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgt und kommentiert. Verständlich also, dass viele Politiker:innen zögern, offen über eigene Versäumnisse zu sprechen. Bei der Fuckup-Night für die Demokratie steht jedoch genau das im Mittelpunkt: eine Bühne für Politiker:innen, um vor Publikum über Fehler und Lernprozesse zu sprechen. Erfunden hat das Format der Politikberater Martin Fuchs. Nun kam das Veranstaltungsformat erstmals nach Baden-Württemberg – und zwar in unseren Kultur- und Debattenort Werkraum Schöpflin in Lörrach. Über Fehler und ihre daraus resultierenden Erkenntnisse sprachen der ehemalige Vizepräsident des Baden-Württembergischen Landtags Daniel Born (SPD), die ehemalige Oberbürgermeisterin von Lörrach Gudrun Heute-Bluhm (CDU), der ehemalige Landtagsabgeordnete Josha Frey (Grüne) sowie die Spitzenkandidatin der Jungen Liberalen bei der Landtagswahl 2026 Anja Widenmann (FDP).
Entstanden ist das Format vor rund fünf Jahren, als Martin Fuchs einen Buchbeitrag dazu schreiben sollte, wie Demokratie in der heutigen Zeit resilienter werden kann. Durch seine Arbeit im Bereich digitaler politischer Kommunikation weiß Fuchs, wie verheerend Hass im Netz sein kann. »Allerdings gibt es im Internet auch Menschen, die eine gesunde Fehlerkultur pflegen. Also überlegte ich, wie diese Fehlerkultur aus dem Netz ins Analoge übertragen werden kann. Daraus entstand die Grundidee der Fuckup-Night für Politiker:innen.« Nach der positiven Resonanz auf seine Idee schlug die Hertie Stiftung vor, das Format gemeinsam mit Fuchs umzusetzen; 2021 feierte es in Berlin Premiere. Seitdem gab es bereits 16 Veranstaltungen in verschiedenen deutschen Großstädten – die Fuckup-Night im Werkraum war die erste im ländlichen Raum.
»Das Format nach Süddeutschland zu bringen, war nicht einfach«, berichtet Fuchs. »In Norddeutschland ist es unkompliziert, Politiker:innen für die Teilnahme zu gewinnen – selbst Spitzenpolitiker:innen sagen gerne zu. Im Süden ist das deutlich schwieriger. Wir mussten viele Anfragen stellen, bis vier Zusagen zusammenkamen.« Er vermutet, dass der Süden konservativer sei und schon der Name Fuckup-Night abschrecke. Auch hinsichtlich der Geschlechter gebe es Unterschiede. Laut Fuchs zeigen Frauen insgesamt eine höhere Bereitschaft zur Teilnahme. »Die heutige Bundesministerin Karin Prien erzählte bei der Veranstaltung in Kiel, sie durchlebe jeden Abend, wenn sie nach Hause komme, ihre persönliche Fuckup-Night. Generell habe ich beobachtet, dass Frauen ihr Verhalten häufiger reflektieren und deshalb eher bereit sind, über Fehler zu sprechen.« Positives Feedback gebe es aber von allen Teilnehmer:innen. »Viele sagen mir, dass es gutgetan hat, sich bewusst Zeit für Reflexion zu nehmen«, so Fuchs. Er hofft, dass diese Erfahrungen in politische Arbeitsprozesse einfließen und das Format zukünftig vielleicht auch parteiintern genutzt wird.
Nicht nur die Politiker:innen profitieren von der Fuckup-Night – auch die Gäste bekommen neue Einblicke. »Ich finde das Format sehr spannend, weil es mir einen ganz neuen Blickwinkel auf Politik gegeben hat«, meldet eine Besucherin der Fuckup-Night im Werkraum zurück. Genau das sei das Ziel, bestätigt Fuchs: »Politiker:innen werden oft als unnahbar wahrgenommen. Bei den Fuckup-Nights wird sichtbar, dass auch sie nur Menschen sind, die Fehler machen.«
Die ehemalige Oberbürgermeisterin von Lörrach, Gudrun Heute-Bluhm, zieht ebenfalls ein positives Fazit. Probleme klar zu benennen sei sehr wichtig, weshalb sie sich auf der Bühne wohlgefühlt habe. »Ich vertraue darauf, dass mich die Menschen nicht schlecht bewerten, nur weil ich einen Fehler zugebe.« Die Idee des Formats könne auch in Schulungen genutzt werden, um Politiker:innen darin zu unterstützen, ihre persönliche Weiterentwicklung zu festigen und konstruktiv mit Fehlern umzugehen. Wichtig sei vor allem eine ehrliche Feedback-Kultur. »Viele Fehler erkennt man erst, wenn Kolleg:innen oder Familienmitglieder offen Rückmeldungen geben«, sagt Heute-Bluhm.
Bei der Fuckup-Night im Werkraum sei beeindruckend gewesen, so Martin Fuchs, wie selbstkritisch und reflektiert sich manche Teilnehmende auf der Bühne gezeigt hätten. »Es ist sehr wertvoll, wenn die Politiker:innen teilen, welche Konsequenzen und Learnings sie aus ihren Fehlern gezogen haben – beruflich wie persönlich.« Für die Zukunft wünscht sich Fuchs, dass sich das Format auch außerhalb großer Städte etabliert. »Lörrach war ein Testballon – und ich hoffe, dass weitere Fuckup-Nights im ländlichen Raum folgen.«
Die Veranstaltung ist Teil der aktuellen Themenreihe »Couragiert Euch!« des Werkraum Schöpflin. Zwischen September und Dezember 2025 stehen Anregungen im Fokus, wie Menschen aus der Untätigkeit kommen können – indem sie kreativen Widerstand leisten oder Verantwortung für sich und das Gemeinwesen übernehmen. Weitere Informationen dazu gibt es auf der Website des Werkraum Schöpflin.
Weitere Informationen zur Fuckup-Night für die Demokratie gibt es auf www.fuckup-night.de.