Drei Antworten von Jérémie Gagné, Lead Forschung, More in Common

Wer wir als Gesellschaft in Deutschland sein wollen

Was bedeutet es eigentlich, »deutsch« zu sein? Die neue Studie unseres Förderpartners More in Common geht genau dieser Frage nach. Über 2.000 Menschen haben Einblicke in ihre Sicht auf Deutschland, Zugehörigkeit und gemeinsame Werte gegeben. Wir haben Jérémie Gagné, einem der beiden Autoren der Studie, drei Fragen zu den Ergebnissen gestellt. Im Interview gibt er einen Einblick, welche Eigenschaften die Menschen mit Deutschland verbinden und wie sich das Gefühl von Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft stärken lässt. 


Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass vier von fünf Menschen das Land mögen, in dem sie leben. Wie sehr fühlen sich die Menschen dabei individuell Deutschland verbunden? Und was schätzen sie dabei an Deutschland, was sehen sie kritisch? 

Jérémie Gagné: Viele Menschen in Deutschland definieren ihr persönliches Dasein in allererster Linie über das gute und verträgliche Leben »im Kleinen«, z.B. über Familie und Freunde, Rücksicht im Alltag, Reisen, Selbstentfaltung und Lebensfreude. Das heißt aber nicht, dass die »große Ebene« unwichtig wäre. 90 Prozent denken über das Zusammenleben der Menschen im Land nach, und Mehrheiten erkennen die Relevanz gesellschaftlicher Entwicklungen für ihr eigenes Leben. 

72 Prozent unserer quantitativ Befragten sagen, dass sie sich Deutschland als Ganzem verbunden fühlen – das waren sogar mehr als bei der eigenen Region oder dem eigenen Wohnort; ganze 85 Prozent betrachten das Land als ihre Heimat. Wichtig: Unseren Befragten geht es in der Regel nicht um enge deutsche »Identitätskorsetts«, die den Raum für Unterschiede nehmen. Aber wir sehen den (mehrheitlichen) Wunsch vieler nach einem republikanischen Gespräch darüber, wo wir mit diesem unserem Land eigentlich hinwollen. 

In unseren Forschungsgesprächen berichteten uns Menschen von vielen Dingen, die sie an Deutschland schätzen. Im Grunde kamen drei positive »Hauptstränge« heraus: Erstens sei dieses Land schön – es besitze wunderbare Landschaften, Altstädte, Feste, Traditionen, und so weiter. Zweites könne dieses Land viele Dinge richtig gut: Unsere Befragten sprachen vom Einsatz der Menschen, von wirtschaftlichem Potenzial, starken Produkten und Erfindungsgeist, bewährten Systemen und Strukturen. Und drittens kam die Sprache auf unsere gesellschaftlichen Errungenschaften, etwa den erfolgreichen Aufbau einer Demokratie und die soziale Sicherung. Es ergab sich häufig das Bild eines lebenswerten und verlässlichen Landes.

Zugleich steht dieses Positiv-Bild derzeit für viele unter einem »Noch«-Vorbehalt. Viele haben den Eindruck, dass Deutschlands Substanz eher bröckele: 52 Prozent sehen es derzeit eher im internationalen Abstieg, nur 22 Prozent halten das heutige Deutschland für das beste, »das es je gab«. In vielen Köpfen herrscht der Eindruck eines handlungsblockierten Landes, das bei seinen »Baustellen« nicht so richtig vorankommt: Auf die Frage, welche Adjektive die deutsche Gesellschaft derzeit am besten beschreiben, lauteten die mit Abstand häufigsten Antworten »bürokratisch« und »gespalten«. In anderen Worten: Es fehlt derzeit vielen an Zukunftszuversicht und an Zutrauen in unsere gesellschaftliche Handlungsfähigkeit. Dieses Zutrauen wieder zu stärken, scheint uns eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre.


In den vergangenen Wochen wurde nach einer Aussage des Kanzlers intensiv über das »Stadtbild« in Deutschland diskutiert. Wie schauen die Menschen, die Sie befragt haben, auf die Vielfalt in unserer Gesellschaft?

Jérémie Gagné: Beginnen wir mit der Haben-Seite: Erstens betrachten die meisten Menschen in Deutschland Zugehörigkeit zum Land mittlerweile als erwerbbar: 72 Prozent sagen, dass deutsch werden könne, wer nicht so geboren ist – eine klare Aussage, wenn man die frühere Rechtslage bedenkt. Ja, die allermeisten Menschen (und auch jene mit Einwanderungsgeschichte) stellen bestimmte Kriterien an Zugehörigkeit, wie die Achtung von Gesetzen, den Spracherwerb, berufliche Tätigkeit oder die Anerkennung gängiger Werte und Traditionen. Aber diese lassen sich im Grundsatz mit der Zeit erfüllen. 

Zweitens sind auch die meisten unserer Befragten mit Einwanderungsgeschichte Deutschland zugewandt: sie fühlen sich dem Land mehrheitlich verbunden, empfinden manche Positiv-Emotionen, wie z.B. Dankbarkeit, sogar häufiger als der Bevölkerungsschnitt. 

Gleichzeitig müssen wir aber auch über große Vorbehalte sprechen: Derzeit nehmen mehr Menschen zunehmende kulturelle Vielfalt als Bedrohung (41 Prozent) denn als Bereicherung (32 Prozent) für ihre eigene Lebensweise wahr. Nur eine Minderheit hält Islam und deutsche Gesellschaft für miteinander vereinbar. Und andersherum berichteten uns Menschen mit Einwanderungsgeschichte in unseren Fokusgruppen von Anerkennungskämpfen; in unserer quantitativen Befragung gaben sie häufiger (24 Prozent) als Menschen ohne Migrationsgeschichte (16 Prozent) an, nicht richtig zur deutschen Gesellschaft dazu zu gehören. Bei muslimischen Befragten erscheinen derlei Befunde verschärft.

Letzten Endes sollte es darum gehen, die Einwanderungsgesellschaft, die Deutschland längst ist, nuanciert zu besprechen und so respektvollen Umgang für alle zu fördern.  Eine der Kernfragen lautet: Wie sichern wir in unserer wachsenden Vielfalt ausreichend (neue) Gemeinsamkeit?


Wie lässt sich das Gefühl von Zugehörigkeit zur deutschen Gesellschaft künftig stärken?

Jérémie Gagné: Das ist auf jeden Fall Teamarbeit. Viele Akteure können und sollten daran mitwirken, das Zutrauen in unsere kollektive Gesprächs- und Handlungsfähigkeit zu stärken und breite Zugehörigkeit zu fördern. Das schulden wir unserer pluralistischen Republik, insbesondere in Zeiten, in denen illiberale Kräfte auf dem Vormarsch sind. 

So sollte demokratische Politik über mutige programmatische Zukunftsarbeit punkten – und zwar vom ehrlichen Problembefund bis hin zum glaubhaften Zielbild. Auch die Zivilgesellschaft hat in ihren Reihen viele Vertrauensakteure. Sie kann Menschen eine Stimme geben und sie zusammenbringen und so gegenseitige Anerkennung und Gemeinsamkeit in der Gesellschaft stark machen. Medien können mit ihren tagtäglichen Entscheidungen dazu beitragen, dass Debatten konstruktiv, respektvoll und perspektivenreich geführt werden. Unternehmen können über ihre Identifikationswirkung (man denke nur an »Made in Germany«), ihre Investitionen in unsere Fähigkeiten und ihre Betriebskultur wirken. 

Und auch wir Einzelnen können im Alltag unser Teil tun: z.B. mit gegenseitiger Rücksicht, Mut zum Vertrauensvorschuss und in gegenseitiger Würdigung dessen, was viele jeden Tag leisten – im Beruf, privat oder im Ehrenamt. Darin liegt schließlich eine unserer größten Stärken.

 

Die komplette Studie »Deutsche Identität(en)? – Wer wir als Gesellschaft sein wollen« ist auf der Website von More in Common Deutschland abrufbar: Zur Studie

 

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