Gefühle spielen für politische Haltungen, Wahlverhalten und gesellschaftlichen Zusammenhalt eine entscheidende Rolle. Das zeigt die Forschung von More in Common. Die gemeinnützige Organisation, deren Arbeit die Schöpflin Stiftung fördert, hat in einer neuen repräsentativen Studie untersucht, was Menschen in Deutschland bewegt.
Mit ihren Analysen will More in Common dazu beitragen, gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland zu stärken. Dafür erhebt die Organisation quantitative und qualitative Daten, die insbesondere von zivilgesellschaftlichen Organisationen genutzt werden – aber auch von Politik, Wirtschaft und Medien.
Mit ihrer neuen Grundlagenstudie »Ringen um Deutschland: Zustand und Ambitionen unserer Gesellschaft« zeigt More in Common, wie unterschiedlich Menschen auf die Gesellschaft blicken – und welche gemeinsamen Wünsche und Werte sie dennoch verbinden. Falco Hüsson, Co-Projektleiter der Studie und Senior Associate Forschung und Daten, betont: »Das ist die wichtigste Studie, die wir seit unserer ersten Grundlagenstudie im Jahr 2019 herausgegeben haben.« Die Arbeit untersucht, wie Menschen auf Politik, Demokratie und die Zukunft Deutschlands blicken und gruppiert sie hierfür in sieben gesellschaftliche Typen: die »Aufgewühlten«, die »Angekommenen«, die »Bewahrenden«, die »Ungebundenen«, die »Abgewandten«, die »Zurückfordernden« und die »Geladenen«. Die neue Einteilung wird später als Grundlage für weitere Forschungen zu spezifischen Themen dienen – etwa zu Klima, Migration und gesellschaftlichem Zusammenhalt.
Sieben Typen, sieben Perspektiven auf die Gesellschaft
Wie erleben die Menschen in Deutschland Politik und gesellschaftlichen Wandel? Fühlen sie sich sicher, frei und wertgeschätzt – oder zunehmend zurückgelassen? Welche Werte und Grundüberzeugungen haben sie? Diesen Fragen geht die Studie nach. Und die sieben gesellschaftlichen Typen beantworten sie ganz unterschiedlich: Während die »Aufgewühlten« beispielsweise Wandel fordern und sich Sorgen um die Zukunft machen, vertrauen die »Angekommenen« mehr auf das bestehende System und sind bürgerlich-progressiv geprägt. Die »Bewahrenden« besinnen sich auf Tugenden, während sich die »Ungebundenen« und die »Abgewandten« eher aus der Gesellschaft ins Private zurückziehen. Die »Zurückfordernden« fühlen sich kulturell in Bedrängnis und die »Geladenen« sind in ihrer Systemkritik auch militant.
Die Einteilung der Menschen in gesellschaftliche Gruppen und Milieus ist in der sozial- und politikwissenschaftlichen Forschung etabliert. Doch More in Common setzt einen anderen Fokus. »Auch eine vermögende Person kann sich zurückgesetzt fühlen. Und auch eine Person mit lateinamerikanischen Wurzeln kann Trump wegen seiner restriktiven Einwanderungspolitik wählen«, sagt Hüsson. More in Common entstand nach dem Brexit und der ersten Wahl Donald Trumps. Beide Ereignisse hätten gezeigt, dass klassische soziodemografische Merkmale allein Wahlentscheidungen nicht ausreichend vorhersagen und erklären, so Hüsson. Deshalb gruppiert die Organisation die Befragten nicht nach Einkommen, Alter und Bildung in gesellschaftliche Typen, sondern nach ihren Werten und Überzeugungen. Darin sieht die Organisation einen echten Mehrwert.
Wer wird in unserer Gesellschaft übersehen?
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die sogenannten »gesellschaftlich Unsichtbaren«. Zu ihnen gehören die Ungebundenen und die Abgewandten, die – laut Studie – zusammen ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. Die Abgewandten fühlen sich häufig nicht wertgeschätzt und unsicher. Sie ziehen sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurück. Die Ungebundenen sind wegen ihrer Ambivalenz schwerer auszumachen: Sie sind moderner, aber ebenfalls verunsichert. Sie interessieren sich weniger für Politik und fühlen sich vor allem ihrem unmittelbaren, privaten Umfeld verpflichtet.
Für Politik und Zivilgesellschaft stellt sich damit die Frage, wie sie der politischen Orientierungslosigkeit dieser Menschen begegnen und sie wieder für sich gewinnen können – bevor es extremistischen und populistischen Kräften gelingt, so Hüsson. Für die Unsichtbaren spielten Gefühle wie Wertschätzung und Zugehörigkeit eine wichtige Rolle: »Viele dieser Menschen sind politisch nicht festgelegt. Wenn sie populistisch oder extrem wählen, dann oft nicht wegen der Inhalte. Sie suchen Aufbruch, Hoffnung und jemanden, der etwas verändern will. Doch genauso können demokratische Akteure diese gesellschaftliche Stimmung aufgreifen und ihnen wieder Zuversicht in Politik und Demokratie vermitteln«, betont Hüsson.
Trotz aller Unterschiede: Der Wunsch nach Zusammenhalt ist groß
Dabei zeigt die Studie auch, dass sich die meisten Menschen in Deutschland gesellschaftlichen Zusammenhalt wünschen. 71 Prozent der Befragten finden, dass Menschen trotz unterschiedlicher Ansichten zusammenhalten sollten. Nur 29 Prozent meinen, andere müssten zunächst erkennen, dass ihre Ansichten falsch seien. Auch bei den grundlegenden Wünschen an die Zukunft liegen die Menschen nah beieinander: Deutschland solle sicher, demokratisch und gerecht sein. Vor allem sollen Menschen von ihrer Arbeit leben können.
Was folgt daraus für die Politik? Die gute Nachricht: Die meisten Menschen hätten der Demokratie noch nicht den Rücken gekehrt – doch es sei »allerhöchste Eisenbahn«, betont Hüsson: »Die Menschen wollen erleben, dass Demokratie etwas verändern kann. Dafür braucht es politischen Gestaltungswillen und Veränderungen, die nicht nur angekündigt werden, sondern im Alltag der Menschen spürbar sind.«
Die ganze Studie findet sich hier.