• Max Schubert, Karolin Jäschke und Bennet Rietdorf
    v.l.n.r.: Max Schubert, Karolin Jäschke und Bennet Rietdorf | Foto: Franziska Bausch
  • Das Schülercafé und der Jugendclub in Mansfeld des Kreis Kinder- und Jugendrings
    Das Schülercafé und der Jugendclub in Mansfeld des Kreis Kinder- und Jugendrings | Foto: Anne Müller-Steglich, Kreis Kinder- und Jugendring

Wir gründen unseren eigenen Flow Fund!

Was tun, wenn man plötzlich sehr viel Geld bekommt und dazu den Auftrag, es möglichst sinnvoll für die Gesellschaft einzusetzen? Vor dieser Frage standen Karolin Jäschke, Max Schubert und Bennet Rietdorf im vergangenen Herbst. Als drei von insgesamt 17 Teilnehmer:innen des Flow Fund für Ostdeutschland waren sie ausgewählt worden, Stiftungsgelder zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Ostdeutschland zu vergeben. Darüber hinaus gab es nur wenige Auflagen: Gemeinnützig mussten die Initiativen und Organisationen sein, bedacht werden durfte niemand aus dem eigenen Arbeits- oder privaten Kontext und die Summe musste mindestens 5.000 und höchstens 25.000 Euro betragen.  

Darüber hinaus galt es, sich in einem Begleitprogramm intensiv mit dem Stiftungswesen, mit Fördermethoden, Auswahlkriterien oder rechtlichen Rahmenbedingungen des Geldgebens zu befassen und so in moderner Philanthropie weiterzubilden. Am Ende mussten die Teilnehmer:innen ihre eigene Förderentscheidung treffen – und Geld verteilen. Das mag einfach klingen und birgt doch Herausforderungen.

»Ich finde es reizvoll, die Perspektive zu wechseln und in der Rolle der gebenden Person zu sein. Aber es bedeutet auch viel Druck und Verantwortung, da alle das Geld gebrauchen können.«  

Karolin Jäschke, Flow Funderin 2025/2026

Karolin Jäschke (32) leitet für den Verein Kopfsachen e.V. den Standort Leipzig/Halle. In ihrem Job fördert sie die mentale Gesundheitskompetenz von Jugendlichen. Da lag es nahe, als »Flow Funderin« Organisationen zu unterstützen, die mit Jugendlichen arbeiten. Während der Monate, in denen sie in ihrer Freizeit das fachliche Begleitprogramm des Flow Funds durchlief, hörte sie sich in ihrem Netzwerk nach besonders unterstützenswerten Initiativen um. Die Sitzungen mit den anderen FlowFunder:innen mündeten regelmäßig in lange Diskussionen, insbesondere mit den zwei anderen jungen Engagierten aus Sachsen-Anhalt, Max Schubert und Bennet Riedorf. Besonders beschäftigt die drei FlowFunder:innen die Frage, wie sie die Strukturen für Jugendbeteiligung im Bundesland stärken könnten. Im Herbst 2026 wird in Sachsen-Anhalt ein neuer Landtag gewählt und der jüngste »Sachsen-Anhalt-Monitor« bescheinigte etwas mehr der Hälfte der Einwohner:innen, »fragile Demokraten« zu sein. Während sie der Demokratie zusätzlich zustimmen, sind sie offen für einen starken Führer und einer autoritären Regierungsform. 
 

Vom Einzelbudget zum gemeinsamen Fund

In ihren Gesprächen kamen Karolin, Max und Bennet zum Entschluss, mit dem in ihre Verantwortung übergebenen Geld demokratische Jugendarbeit in der Fläche zu unterstützen. Sie wollen »die supporten, die sich engagieren und aus klassischen Förderlogiken herausfallen«, wie Jäschke es formuliert. Und sie beschlossen, »ihr« Geld aus dem Flow Fund für Ostdeutschland zusammenzulegen in einer Art Teil-Fund, dem Sachsen-Anhalt-Fund. Mit den zusammengenommen 75.000 Euro wollen sie nicht nur noch wirkungsvoller zu fördern, sondern auch andere dazu einladen, weitere Mittel dazu zugeben. »Wir wollen damit der kontinuierlichen Unterfinanzierung zivilgesellschaftlicher Strukturen und Jugendbeteiligungsprojekten etwas entgegensetzen.« Daher sind die drei in den vergangenen Monaten erfolgreich bei anderen Stiftungen auf Akquise-Tour gegangen und haben insgesamt mehr als 100.000 € für Sachsen-Anhalt zusammenbekommen. 
 

Bröckelnde Strukturen in der Jugendarbeit 

Parallel wurde auch die Antwort auf die Frage nach dem Bedarf immer klarer, nämlich als Karolin Jäschke in ihrer Recherche unter anderem auf den Kreis-Kinder- und Jugendring (KKJR) Mansfeld Südharz e.V. stieß. Er ist eine von rund zwanzig Organisationen, die jetzt Geld aus dem Sachsen-Anhalt-Fund bekommen. Der KKJR Mansfeld-Südharz engagiert sich in Demokratiearbeit und Extremismusprävention sowie für Jugendbeteiligung und Jugendpolitik. Der KKJR setzt in einem regionalen Ansatz lokale Jugendclubs, feste Formate wie Jugendforen und einen Jugendkreistag um, macht schulische und außerschulische Angebote zur politischen Bildung, in der offenen Jugendarbeit und Betreuung von Jugendgruppen, Ferienfreizeiten, offeriert Fortbildungen von Fachkräften und vieles mehr. Noch. Denn der Flächenlandkreis Mansfeld-Südharz ist in Finanznot. Allein 2026 müssen in dieser strukturschwachen, einstigen Bergbauregion in Sachsen-Anhalt knapp 10 Millionen Euro eingespart werden. Geld, das wichtig ist, um Angebote für Jugendliche überhaupt erst möglich zu machen. 

Fragt man die Geschäftsführerin des KKJR Mansfeld-Südharz, Anne Müller-Steglich, woran genau gespart wird, zögert sie einen Moment. Da ist so vieles, was in 35 Jahren Strukturabbau verloren gegangen ist: »Die Strukturen, die wir über viele Jahre aufgebaut haben, bröseln weg, die Menschen aus der Jugendarbeit suchen sich andere Jobs.« Dabei sei es so wichtig, das Blickfeld der Jugendlichen in der Region zu erweitern, sie mit Themen und Berufen in Kontakt zu bringen, die sie von zuhause nicht kennen. Dazu kommt der Verlust an Treffpunkten für Jugendliche. Das Schülercafé in Mansfeld, das seit der Corona-Pandemie geschlossen war, der geplante Jugendclub in Roßla – Räume, die in einer angebotsarmen Umgebung wichtige Anlaufstellen für Jugendliche sind, vorausgesetzt, dass es dafür eine Finanzierung gibt.  
 

Jugendliche erleben, wie sich Selbstwirksamkeit anfühlt

Karolin Jäschke kann an ihrer eigenen Biografie nachvollziehen, welche Bedeutung solche Orte oder auch ein Sportverein im Alltag haben können. Welche Energie es freisetzt, ein eigenes Projekt umzusetzen oder einfach mit anderen Jugendlichen auf eine Freizeit zu fahren. »Der Jugendclub war ein Ort, an dem es Gemeinschaft ohne Statussymbole gab«, sagt sie. »Und ich habe dort die Erfahrung gemacht, dass möglich ist, Dinge zu bewegen. Das hat mich als Jugendliche ermutigt.« Dennoch hakte es zunächst, als Karolin Jäschke den Kontakt zum KKJR suchte: Anne Müller-Steglich hielt ihre Email für Spam. Denn schließlich muss sonst immer sie nach Geld fragen: »Dass uns jemand Geld angeboten hat, gab’s noch nie. Das ist schon sehr besonders.«

Ein zentrales Projekt des KKJR Mansfeld-Südharz ist der Jugendlandkreistag. Jedes Jahr im Frühjahr erleben Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahre unmittelbar, wie sich Demokratie, aber schlicht auch Selbstwirksamkeit anfühlt. Der Verein organisiert nicht nur den Tag selbst, sondern bereitet die Jugendlichen auch auf politische Gremienarbeit vor: Wie formuliere ich meine Idee, wie schreibe ich eine Beschlussvorlage? Wie argumentiere ich und trage überzeugend vor? Die finanzielle Unterstützung, um die Ideen umzusetzen, hat in der Vergangenheit der Landkreis übernommen. Ende März trafen sich gut siebzig Jugendliche in Sangerhausen und stimmten über fünf Projektanträge ab. Hochfliegende Träume oder teure Ideen fanden sich darunter keine. Stattdessen ging es um praktische Dinge wie Sitzgelegenheiten an der Bushaltestelle, eine Solaranlage an der Schule oder einen Wasserspender. In diesem Jahr ist noch unsicher, ob er das wieder tun wird. Trotz der anhaltend knapper Kassen gibt es diesmal aber die Gewissheit: Durch den Sachsen-Anhalt-Fund werden die Ideen der Jugendlichen auch Realität.

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