Zwei Frauen im Gespräch sitzen in roten Sesseln, eine frontal, eine von hinten zu sehen.
Anna Schiller, Journalistin (li), und Nadine Brand, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin (re), im Gespräch. Foto: Lucia Hofmaier

Raus aus der Hauptstadt, rein ins Gespräch

Sternenkinder – so heißen Kinder, die kurz vor oder nach der Geburt sterben. Mit diesem öffentlich eher selten besprochenen Thema beginnen Anna Schiller, Journalistin bei der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), und Nadine Brand, Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, ihr Gespräch. Zu Brands Arbeit im Krankenhaus in Lörrach gehört auch die Begleitung von Sternenkind-Familien. Sie schildert diese und andere Erfahrungen aus ihrem Arbeitsalltag und erzählt offen von den schwierigen Seiten ihres Berufs: weniger Geld im Gesundheitssystem, viel Arbeit und immer mehr Menschen, die ihren Job deshalb wieder verlassen. Und sie spricht über die schönen Momente: darüber, Menschen in den ersten Stunden und Tagen dieses neuen Lebensabschnitts zu begleiten. »Ich mache diesen Beruf gerne. Er gibt mir sehr viel zurück«, betont Brand.

»Nicht nur mit CEOs, Politiker:innen und Stars sprechen«
Das Gespräch ist Teil des Projekts »Volkes.Stimmen – Demokratie in Bewegung«, gefördert von der Schöpflin Stiftung und der Gemeinnützige Hertie-Stiftung. Ins Leben gerufen haben es die Journalist:innen Helene Bubrowski, Chefredakteurin der Table.Briefings, und Simon Strauss von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Insgesamt haben sie ein Dutzend Journalist:innen, unter anderem von WELT, FAZ und Deutschlandfunk, für »Gespräche aus dem Alltag über die Lage unseres Landes« gewonnen. So lautet der Untertitel des Projekts. Sie treffen Menschen in deren Heimatgegend, vor allem in ländlichen Gebieten, und erhalten Einblicke in die Lebensrealität der Menschen vor Ort. Denn Journalist:innen berichten oft über politische Entwicklungen in Deutschland und nehmen dabei vermeintlich die Sicht der Bürger:innen ein. Doch tun sie das wirklich? Was bewegt Menschen in Deutschland tatsächlich? Welche Sorgen und Hoffnungen prägen ihren Blick auf Politik, Journalismus und Demokratie? Und finden diese Gedanken genügend Eingang in die mediale Berichterstattung? Diese Fragen waren Anlass für das Projekt »Volkes.Stimmen«.

Journalist:innen treffen Menschen vor Ort
Die NZZ-Journalistin Anna Schiller (34) und die Kinderkrankenpflegerin Nadine Brand (47) begegnen sich an diesem Abend Anfang Oktober in Lörrach zum ersten Mal. In roten Sesseln sitzen sich die beiden gegenüber. Anna Schiller begrüßt die Zuhörer:innen: »Das Konzept hinter Volkes.Stimmen ist simpel erklärt: Hauptstadtjournalist:innen interviewen mal nicht CEOs, Politiker:innen oder Stars. Stattdessen erzählen ‚normale‘ Menschen von sich selbst, ihrer Wahrnehmung von Politik und von Themen, die sie beschäftigen.« Im Fall von Anna Schiller und Nadine Brand bedeutet das, sie sprechen über die geplante Gesetzesreform im Pflegebereich, die Einarbeitung von Berufsanfänger:innen und den Arbeitsalltag auf der Station. Vor allem ein Thema zieht sich durch das Gespräch der Frauen: die fehlende Zeit. Früher habe es noch mehr Menschen auf der Station gegeben, die sie in ihrer Arbeit mit den Patient:innen unterstützt hätten, erzählt Brand. »Sie haben Schränke aufgefüllt, Zimmer aufgeräumt und bei der Dokumentation unterstützt. Heute müssen wir mehr Arbeit in der gleichen Zeit schaffen – und die fehlt uns dann oft in der Pflege und Beratung unserer Patient:innen«, erklärt sie. Von der Politik wünscht sich Brand vor allem drei Dinge: mehr Anerkennung für ihren Beruf, mehr Personal und ein Abrechnungssystem, das unterschiedliche Bedarfe von Patient:innen stärker berücksichtigt und nicht alles in Pauschalen kalkuliert.

Rund ein Dutzend Gespräche und eine gute Portion Idealismus
Unmittelbare Dialoge wie dieser, zwischen Journalist:innen und Bürger:innen, fanden 2026 in Volkshochschulen in ganz Deutschland statt, um sie als Orte der Begegnung und Vernetzung zu nutzen, so Claus Lüdenbach. Er ist Leiter der VHS Esslingen und Mitinitiator des Projekts. Anna Schiller und Nadine Brand treffen sich in Lörrach im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie. Das Gespräch ist eines von mehr als 20 Demokratieformaten an diesem Abend. Die Journalistin hört ihrer Gesprächspartnerin aufmerksam zu, fragt nach. Vor ihr liegt keine Liste mit Fragen, kein Aufnahmegerät. Das Gespräch folgt – untypisch für die journalistische Arbeitspraxis – nicht dem Ziel, später in einem Text oder Beitrag zu münden. Zum Ende resümiert Schiller: »Als ich hier angereist bin, wusste ich, was man als Patientin so weiß. Ich habe viel gelernt – das ist das Tolle an diesem Projekt.«

Was ist ihre Motivation, an dem Projekt teilzunehmen? »Eine gute Portion Idealismus«, sagt Anna Schiller. Sie reiste für ihre Gespräche aus Berlin nach München und Lörrach. »Man geht selten auf gut Glück zu Menschen hin und fragt sie: Was beschäftigt euch?« Für sie geht es aber um mehr: »Ich glaube schon, dass es wahnsinnig wichtig ist, dass sich Bürger:innen auch in den Medien sehen. Dieses diffuse Misstrauen gegenüber Medien kann auch daher kommen, dass Menschen immer nur Politiker:innen oder Expert:innen und Journalist:innen im TV sehen.« Für die Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Nadine Brand ist das Gespräch eine willkommene Gelegenheit, Menschen aus anderen Arbeitsbereichen von ihrem Beruf zu erzählen und deren Fragen zu beantworten. Nach dem Gespräch tauschen sie und Schiller ihre Kontaktdaten aus.

»Mehr über Demokratie gelernt als in vielen Jahren im Bundestag«
Schiller haben die beiden Gespräche, die sie im Laufe des Projekts geführt hat, nachdenklich gestimmt: »Was ich sehr auffällig fand: Meine Gesprächspartnerinnen sind sehr engagiert und beschäftigen sich mit großen gesellschaftlichen Fragen: mit Antisemitismus und mit Gesundheit und Pflege. Über die Themen wird in Berlin ständig gestritten. Und trotzdem hatten beide Frauen nicht das Gefühl, dass dort der Kern der Probleme gesehen und besprochen wird. Das macht mir Sorgen.« VHS-Leiter Claus Lüdenbach zieht ein positives Fazit: »Volkes.Stimmen hat das bewirkt, was wir wollten: Es hat Journalist:innen mit Menschen vor Ort in Kontakt gebracht.« Auch von den Journalist:innen hat er viel positives Feedback erhalten. Ein Journalist schrieb ihm: »Ich habe in dem Projekt so viel über Demokratie gelernt wie in vielen Jahren im Deutschen Bundestag nicht.«

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